Taktische Medizin hat nur etwas mit Militär und Krieg zu tun? Weit gefehlt. Die schnelle und effiziente Erstversorgung von Verletzten und Verwundeten ist nicht nur mit den vermehrten Terroranschlägen ein hochaktuelles Thema ebenfalls für Zivilisten. Mario Nowak kommt aus der polizeilichen Praxis und vermittelt mit Tactical Survival Concepts Spezialwissen für die Lebenrettung.  Mit dem Beitrag „Mit harten Bandagen“ stellt er im Fachbuch „Schnittstelle Rechtsmedizin“ (oben das Cover, Bezugsquelle siehe Link am Ende des Artikels) in das Thema TCCC ein. Wir von SPARTANAT freuen uns, dass wir Euch diesen exzellenten Beitrag als fünfteilige Miniserie präsentieren dürfen:

Taktische Medizin ist ein Handwerk

Wenn Sie im folgenden Kapitel eine wissenschaftliche Abhandlung erwarten, verehrter Leser, dann muss ich Sie leider gleich zu Beginn enttäuschen. Taktische Medizin genügt keinen wissenschaftlichen Ansprüchen, sondern ist in erster Linie eines: ein krudes, äußerst unsentimentales Handwerk. Die handelnden Akteure sind vornehmlich taktisch geschulte Anwender, die zusätzlich die handwerklichen Fähigkeiten mitbringen, die es ihnen ermöglichen, in einem täterkontrollierten, extrem feindlichen Umfeld lebensrettende Erstmaßnahmen durchzuführen. Auch verzichte ich bewusst auf eine genderpolitisch „korrekte“ Wortwahl. Explodierende Sprengstoffwesten, Autobomben und aus Schnellfeuergewehren abgefeuerte Projektile unterscheiden nicht zwischen Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen, zwischen Rettungsassistenten und Rettungsassistentinnen, zwischen Notärzten und Notärztinnen. Und ich auch nicht. Das Arbeitsumfeld von Rettungskräften und Polizeibeamten in Deutschland ist rauer geworden. Nie war die Zahl der Angriffe auf Polizeibeamte und Rettungsdienstpersonal so hoch wie heute. Als wäre das nicht schon alarmierend genug, rückt die Bundesrepublik nun auch zunehmend in das Visier terroristischer Gewalttäter. Und das ist eine Gefahr, auf die unsere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) kollektiv nicht annähernd vorbereitet sind; weder personell, noch materiell, ganz zu schweigen vom Ausbildungsstand. Während ich diese Zeilen niederschreibe, werden bundesweit wöchentlich diverse Polizeieinsätze gegen islamistische sowie rechte Extremisten durchgeführt – und somit vermutlich eine Reihe terroristischer Anschläge verhindert. Mit Ausnahme der taktischen Spezialeinheiten, mangelt es aber der überwiegenden Mehrzahl unserer Polizeibeamten an infanteristischem Grundverständnis. Dieses ist aus Eigensicherungserwägungen aber absolut überlebensnotwendig, um eine effektive Bekämpfung gut ausgerüsteter und in der terroristischen Kriegsführung geschulter Gewalttäter zukünftig zu gewährleisten. Da aber der „Leidensdruck“ in Deutschland, anders als z.B. bei unseren französischen und belgischen Nachbarn, offenbar noch nicht groß genug ist, fehlt es hierzulande bisher am politischen Willen zur „mentalen“ Aufrüstung. Ich verwende bewusst den Begriff „Krieg“. Denn auf unseren Straßen werden mittlerweile von in Kriegstechniken geschulten Terroristen Kriegswaffen gegen Bürger und Guerillakriegstaktiken gegen Polizeibeamte eingesetzt. Diesem Umstand kann nur adäquat begegnet werden, wenn es möglichst rasch zu einem radikalen Umdenken bei Entscheidungsträgern und Anwendern kommt.

Eine einseitige Aufrüstung von Polizeikräften in Form von verbesserter Passivbewaffnung, sprich: ballistischem Körperschutz, durch die Neubeschaffung von Schutzwesten bzw. ballistischen Plattenträgern, die auch dem Beschuss aus großkalibrigen Sturmgewehren bedingt standhalten, kann nur ein erster Schritt sein. Verbunden mit der Erwartungshaltung an die so ausgerüsteten Beamten, sich mit Kriegswaffen und Sprengstoff ausgerüsteten Terroristen entgegenzustellen und sie auszuschalten, ist es im besten Fall ein grober Verstoß gegen Arbeitsschutzbestimmungen; im schlimmsten Fall menschenverachtend. Kriegswaffen kann man auf Dauer nur mit dem Einsatz von Kriegswaffen begegnen. Solange der deutsche Polizeibeamte aber nur mit einer Pistole bewaffnet ist, selbst wenn es sich um eine Maschinenpistole handeln mag, ist er lediglich ballistisch aufgewertetes Kanonenfutter. Aber scheinbar passen Sturmgewehre in Polizistenhänden (noch) nicht in unser politisches Weltbild. Umso wichtiger wird zukünftig das Thema „Taktische Medizin“ sein. Denn irgendjemand muss sich schließlich um die verwundeten Beamten kümmern, die uns in diesem ungleichen Kampf erwarten.

Wenn Verletzungsmuster jenen von Kriegsschauplätzen gleichen

Bisher meistens mit internistischen Notfällen und Verletzungen aufgrund von Verkehrs- und Haushaltsunfällen konfrontiert, und auf diese professionell vorbereitet, werden sich Rettungskräfte zukünftig vermehrt mit der Versorgung von Verletzungsmustern befassen müssen, die bisher größtenteils nur auf Kriegsschauplätzen zu finden waren.Bei terroristischen Anschlägen im französischen Nizza im Juli 2016 sowie auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016, steuerten die Attentäter vorsätzlich LKWs in eine Menschenmenge und töteten Dutzende sowie verletzten Hunderte Menschen schwer. Terrororganisationen wie der Islamische Staat (IS) rufen potentielle Attentäter über das Internet dazu auf, Fahrzeuge als Waffen bei der Umsetzung ihrer perfiden Anschlagspläne zu nutzen, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, Sprengstoff oder automatische Schusswaffen zu beschaffen. Bei der Versorgung von Opfern der beiden genannten Anschläge hatten die Rettungskräfte es vermehrt mit verkehrsunfalltypischen, stumpfen Verletzungsmechanismen zu tun. Diese stellen für sie ein relativ gewohntes Bild dar, wenn auch die Anzahl der Opfer den „normalen“ Massenanfall von Verletzten, wie wir ihn z.B. von Autobahnunfällen her kennen, deutlich in den Schatten gestellt haben dürfte.

Fahrzeuge, Bomben, Schusswaffen, Messer …

Bisher ist die Verwendung von Fahrzeugen als Hauptwaffe im Rahmen von Terroranschlägen in Europa allerdings die Ausnahme und nicht die Regel. Anschläge wie die koordinierten Angriffe islamistischer Extremisten in Paris im November 2015 oder der Feuerüberfall auf einen Istanbuler Nachtclub in der Silvesternacht 2016 sind Beispiele für die „neue“ Gefahr, auf die sich unsere Sicherheits- und Rettungskräfte zukünftig einstellen müssen. Wie diese und unzählige ähnlich gelagerte Fälle terroristischer Anschläge sowie Amoklagen deutlich machen, umfassen die Verletzungsmuster in erster Linie durch Schusswaffen verursachte, penetrierende Traumata sowie Explosionstraumen, hervorgerufen durch USBV (Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen) in Form von Rohrbomben, Sprengstoffwesten oder Autobomben und/oder konventionelle Sprengvorrichtungen, z.B. Handgranaten und Minen. Im Rahmen von Amoktaten und isolierten Angriffen einzelner Extremisten, die über eine begrenzte Logistik verfügen, kommen noch Verletzungen durch Hieb- und Stichwaffen hinzu. Gepaart mit einem Massenanfall derartig Verletzter sowie der Notwendigkeit der sofortigen medizinischen Intervention in einem nicht gesicherten Arbeitsumfeld, kann davon ausgegangen werden, dass die überwiegende Mehrheit des Rettungsdienstpersonals gegenwärtig mit einem solchen Szenario überfordert wäre.

Es kann von nichtbewaffneten Rettungskräften aber auch schlicht nicht erwartet werden, unter extremer Eigengefährdung in einem nicht gesicherten Umfeld tätig zu werden. Erst einmal bedarf es einer sofortigen bewaffneten Intervention, um die Attentäter an ihrem weiteren Tun zu hindern und anschließend ein gesichertes Arbeitsumfeld für die Verwundetenversorgung zu schaffen. Diese Aufgabe wird in aller Regel der Polizei zufallen, sowie anderem, am Anschlagsort befindlichen bewaffneten Sicherheitspersonal. Daher wurden die Grundsätze der taktischen Medizin, ursprünglich für das Militär entwickelt, mittlerweile in den polizeilichen Arbeitsbereich integriert. Aber auch für ziviles Rettungsdienstpersonal sowie Notfallmediziner birgt die taktische Medizin eine Fülle von Verhaltenstipps und Anregungen, deren Beachtung ihre persönliche Sicherheit während der Arbeit im Rahmen eines Anschlagsfalles deutlich erhöhen wird. Ziel dieses Kapitels ist es daher, den Leser mit den Grundlagen der taktischen Medizin vertraut zu machen.

Die Serie „Mit harten Bandagen“ hier auf SPARTANAT:

Mit harten Bandagen (1): Taktische Medizin im zivilen Kontext

Mit harten Bandagen (2): Tactical Combat Casualty Care/Tactical Emergency Medical Support

Mit harten Bandagen (3): Die Vorgehensweise

Mit harten Bandagen (4): Die drei taktischen Phasen

Mit harten Bandagen (5): Taktische Ersthelfer

Tactical Survival Concepts im Internet: http://tacsurv.de

Der ganze Artikel von Mario Novak ist erschienen im Buch „Schnittstelle Rechtsmedizin: Polzei – Rettungsdienst“. Hier erhältlich: