Was kann an einem beliebigen Samstag, in einer Sommernacht in einer europäischen Hauptstadt so alles passieren? Alles könnte voll bewaffneter Polizei sein, die durch Kneipen stürmt, alle Typen anblafft, sich sofort auf den Boden zu legen, weil es möglich ist, dass jederzeit eine Bombe explodiert. Es werden SMS an Kollegen gesendet, die in einem bestimmten Stadtteil arbeiten, um zu fragen, ob sie wohl in Sicherheit sind. Freunde rufen sich an, um einander zu helfen und zu klären welche „no-go“ -Zonen unbedingt zu meiden sind. Gleichzeitig wird der Twitter-Feed permanent aktualisiert. Manche wiederum, die zu Hause geblieben sind, bleiben schlichtweg bei den Nachrichten hängen. Die BBC berichtet von einem „Vorfall mit einem Kastenwagen bei einer Brücke“. Ein Euphemismus, natürlich. Aber jeder weiß, was das bedeutet, was gerade passiert ist, und wer dafür verantwortlich ist. Niemand in den zivilisierten Kreisen spricht offen darüber, und ganz sicher nicht die BBC. Es ist eine friedliche Gesellschaft, die sich wie eine Kriegszone verhält. Die Polizei selbst twittert und bittet so die Öffentlichkeit: „run, hide and tell“ . Jene Polizei, die gleichzeitig will, dass Hunderte von Feierlustigen spätnachts mit erhobenen Händen, so dass man ihre Handflächen offen sieht, in Linie wegmarschieren. Das ist eine Szenarie, die uns wesentlich vertrauter wäre, würden wir sie in Kaschmir oder Xinjiang erblicken. Und das passiert im gleichen Land, das die spanische Armada, Napoleon und Hitler besiegt hat. Das alles hinterlässt das Gefühl einer abscheulichen, schmachvollen Niederlage.

Ich bin in Indien geboren. Ich habe vom islamistischen Terrorismus weit mehr gesehen als jeder durchschnittliche Westler. Ich kann erklären, was eure Medien zu erwähnen vermeiden. Das I Wort. Es gibt einen Unterschied zwischen Terrorismus und „Insurgency“ (Aufstand). Vergesst alle ansonsten vorhersehbaren Antworten. Vergesst die Anzugtypen und Apologeten im Fernsehen, die alle Verbrechen auf den Kolonialismus, die Armut, den Rassismus, die Zunahme der Islamophobie, Katie Hopkins, Alt Right, auf einfach alles unter der Sonne, mit Ausnahme des ganz Offensichtlichen, schieben. Vergesst Hijab tragenden Feministinnen, die alle Schuld auf Israel und das Palästinaproblem schieben. Vergesstdie vorgeschriebenen Reden politischer Führer, welche über die Güte der menschlichen Natur oder das Böse des „internationalen Terrorismus“ sprechen. Und vergesst fertig laminierte Plakate mit „I Herz * aktuelle Stadt unter Angriff *, vergesst FB-Profilfahnen, Hipsters „sending love and good vibes“, Teelichter, Lichtermeere, all die leeren Plattitüden.

Theorie des Aufstands

Man muss das Wesen dieser „Insurgency“ verstehen. Ein Aufstand ist Bewegung. Die Insurgency muss nicht koordiniert oder zentral geplant werden. Eine der am besten erforschten Rebellengruppen, die Naxaliten-Bewegung, funktionierte als Zirkel von maoistischen Radikalen, die sich über ein Jahrzehnt im Krieg mit der indischen Regierung befanden, bevor diese Bewegung ihren Höhepunkt erreichen konnte. Sie war weder zentralisiert noch koordiniert. Viele der lokalen Insurgenten verfügten über ganz unterschiedliche operative Fähigkeiten, Theorien und Geschwindigkeiten in der Aktion. Dazu kamen kleine Gruppen, die meist an ultralinken Universitäten beheimatet und durch eine gemeinsame Ideologie vergiftet waren, die so planten, ein System zu stürzen, das sie für würdelos hielten.

Budapest, Prag oder Bratislava steht allerdings nicht bevor, was London, Paris, Brüssel und St. Petersburg bevorsteht. Oder in dem Fall, Kaschmir, Xinjiang oder Manila. Lone Wolf Terrorismus ist ein Mythos. Es gibt Schläferzellen in jeder großen westlichen Stadt. Die unmittelbare hart-rechte oder hart-linke Antwort darauf wäre, alle Schuld am Terrorismus entweder der Einwanderung oder der Geschichte mit dem Kolonialismus zuzuschreiben. Aber ganz offen gefragt: wie viele Inder und Chinesen und Koreaner finden sich, die irgendeine Stadt in der Welt bomben? Wie viele Russen, Georgier oder Ukrainer mähen acht Jahre alte Kinder nieder? Konflikte gibt es in jedem dieser Länder, es gibt auch Geschichte voller Armut, Kolonialismus und autoritärem Denken in jeder dieser Gesellschaften. Alle diese Faktoren sind allerdings bedeutungslos, wenn es konkret um Entwicklungen geht, die den Islamismus betreffen. Der Kolonialismus produziert keine islamistischen Terrorismus, sonst würde Manila nicht von der ISIS angegriffen werden.

Wenn sich der Rauch einmal verzogen hat, wird von den üblichen Stimmen sicher wieder nach Interventionen im Nahen Osten gerufen werden. 37. Mal der gleiche Zauber. Beim letzte Mal wurde gerade die nordafrikanische Küstenlinie zwischen dem ewig brennenden Nahen Osten und einem verarmten Kontinent erfolgreich verwüstet; allerdings hat das nicht gerade gute Ergebnisse gezeitigt, um es freundlich zu bilanzieren. Die von der anderen Seite werden dann behaupten, dass der „War on Terror“ ja von Anfang an gescheitert sei. Aber wir haben ja nie einen Krieg gegen den Terror geführt, wir haben Kriege gegen Tyrannen geführt. Gegen Tyrannen, die mit brutaler Gewalt meist schon so viel länger gegen Terroristen gekämpft haben als wir selbst.

Wer keine Identität hat, sucht sich eine neue

Die meisten westlichen Terroristen enstammen der zweite Generation, die im Westen lebt, und kommen aus fast völlig abgeschlossenen Communities. Sie haben sich selbstradikalisiert, sind fortgezogen und haben einer anderen Entität, einem anderen Staat und seiner Ideologie, Treue geschworen. Die haben sie getan, weil sie sich nie mit jener Nation, in die sie hineingeboren wurden, identifizieren konnten. Weil ein gesunder Zivil-Nationalismus in den westlichen Ländern von der herrschenden (grenzenlosen) Elite gemieden wird. Menschen brauchen die Identität eines Stammes. Eine Fahne zum Winken. Wird ihnen das verweigert, werden sie plötzlich nicht Nicht-Stammesangehörigen. Sie wählen einfach eine andere Identität. Millionen haben sich einst für die rote Fahne entschieden und schworen ihr Gefolgschaftstreue, Millionen wählen jetzt eine schwarze Flagge. Und Großbritannien ist gerade jetzt gebrochen: soll nun der Union Jack oder soll die europäische Flagge fliegen?

Auf Europa wartet keine glänzende Zukunft. Thomas Hegghammer hat bereits 2016 in einem Thesenpapier auf vier Faktoren hingewiesen, die dazu führen, dass Europa nun zum Schlachtfeld wird: Es gibt eine einzige, bestimmte Migrantengruppe der zweiten Generation, die insgesamt wirtschaftlich unterdurchschnittlich erfolgreich ist und sich daher weiter radikalisieren wird. Diese Entwicklung wird gefördert durch eine wachsende Zahl Dschihad- Entrepreneurs, oder simpler gesagt, von Anwerber der Islamisten und Imamen in Ghettos und Moscheen, die von unseren Partnern im Golf finanziert werden, denen wir wiederum Waffen im Wert von Millionen Dollars verkauft haben, um auf diese Art und Weise Bürgerkriege fortzusetzen und so den Mittlerer Osten noch weiter zu destabilisieren. Das alles führt zu anhaltenden Konflikten in der muslimischen Welt, gleichzeitig mangelt es uns an digitaler Durchdringung dieser Welt.

Zeit für Counterinsurgency?

Natürlich wird keines dieser Argumente in den klassischen Medien zu finden sein, denn das würde bedeuten, harte, politisch inkorrekte Tatsachen zu akzeptieren. Das würde bedeuten, zu akzeptieren, dass die „winning hearts and minds“-Strategie versagt hat. Das würde bedeuten, nein, wir im Westen sind nicht vereint, und, ja, ein Landsmann könnte einen Anschlag auf jenen nächstliegenden Nachtclub planen, den deine Tochter jeden Freitagabend besucht. Die Hashtags sind gescheitert. Kerzenlicht-Mahnwachen sind gescheitert. Nimmt man an, dass dies ein Aufstand ist, wäre zu akzeptieren, dass es die einzige Option ist, klassische Counterinsurgency Strategien zur Anwendung zu bringen, Augen und Ohren in jeder Gemeinschaft zu haben, alles zu durchdringen und zu überwachen. Kurzum, die Debatte um Freiheit oder Sicherheit müsste – zumindest zeitweilig – im Namen der Sicherheit entschieden werden. Das bedeutet, weniger Steuerzahlergeld für das Werfen von KAB500 (Anm.: russische Präzisionsbomben) auf weiße Toyotas in Syrien, weniger in Litauen stationierte britische Truppen, dafür deutlich mehr Geld für bewaffnete Nachbarschaftspolizei, die ihren Disktrikt regelmäßig patrouilliert. Es würde auch mehr Geld zur Überwachung von Communities bedeuten – so viel, wie es seit „The Troubles“ (Anm.: Nordirland-Konflikt) nicht mehr gegeben hat – , dazu käme mehr Royal Navy im Einsatz gegen Menschenschmuggel und gegen NGOs, die mit Menschenschmugglern zusammenarbeiten.

Die vorangigste Aufgabe des Staates ist es, seine Bürger zu schützen.

Als jemand, der aus einem Land stammt, das seit Mitte der 1980er Jahre mit dem islamistischen Terrorismus im Kriegszustand ist, kann ich davon erzählen, was ich gesehen habe und was bald auch in den Westen gelangen könnte. Die vorangigste Aufgabe des Staates ist es, seine Bürger zu schützen. Nichts anderes. Er hat nicht angebliche Hassreden zu verfolgen, muss nicht Drogenabhängige moralisch unterstützen und braucht keine idiotischen Mikroaggressionen aufklären. Aber er muss jenen, die Steuern zahlen, Sicherheit bieten. Wenn ein Staat das nicht kann, bewaffnen sich die Bürger selbst. Und ich kann es euch sagen, das wollt ihr in eurem Land nicht sehen.

SUMANTRA MAITRA ist Doktorand an der University of Nottingham (Großbritannien), forscht zum Thema Großmachtpolitik und Neo-Realismus, mit besonderem Schwerpunkt auf Russland. Er schreibt für „War on the Rocks“ und „The National Interest“ und ist Analytiker für das „The Centre for Land Warfare Studies“, Indien. Er hat sowohl einen Master of Journalism and Mass Communication wie einen einen Master of International Studies, beide mit Auszeichnung abgeschlossen. Der Artikel ist zuerst auf QUILLETTE erschienen, Überetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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