Die Nachrichten (zumindest einige) überraschen mit dem Bericht, dass der Islamische Staat im Irak und al Sham (ISIS) erklärt hat, dass er nunmehr einfach der „Islamische Staat“ und dass sein Emir, Abu Bakr al Baghdadi, ab jetzt Khalif Ibrahim sei – der neue Kalif und direkte Nachfolger Mohammeds. Hier ein Auszug aus der ISIS Erklärung, wiedergeben nach der deutschen Übersetzung, die ISIS selbst veröffentlicht hat (daher auch die arabische „Lautschrift“ bei gewissen Begriffen: Šūrā – Schura (Rat); Hilāfah – Kalifat; Mugāhid – Mudschahedin (Gotteskrieger); etc.):

ISIS_4„Die Šūrā, der Rat des Islamischen Staates studierte diese Angelegenheit nachdem der Islamische Staat mit Allahs Huld, die Essenz und die Notwendigkeit für die Ḫilāfah erlangte, welches sündhaft für die Muslime ist, wenn sie nicht versuchen diese zu etablieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der Islamische Staat Šarʿī keine Aufhaltung oder eine Entschuldigung hat, die es rechtfertigt die Etablierung der Ḫilāfah zu verzögern ohne dabei sündhaft zu werden. Der Islamische Staat repräsentiert von den Ahl-ul-Hall-i-wal-ʿAqd, bestehend aus leitenden Personen, Führer und der Šūrā Rat haben sich entschlossen die Etablierung der islamischen Ḫalīfah zu verkünden.
Die Ernennung der Ḫalīfah für die Muslime und der Treueid zum dem Šayḫ, der Muǧāhid, der Gelehrte, der das was er predigte in die Tat umgesetzt hat, der ʿAbid, der Führer, der Krieger, der Muǧaddid, stammend von der Familie des Propheten, ein Diener Allāh´s, Ibrāhīm Ibn ʿAwwād Ibn Ibrāhīm Ibn ʿAlī Ibn Muḥammad al-Badrī al-Ḥāshimī al-Ḥusaynī al-Qurašī seine Abstammungslinie, geboren und aufgewachsen in as-Sāmurrāʿī, al-Baġdādī sein Wohnsitz und Studium. Und er hat die Bayʿah (Treueid) akzeptiert. Er ist der Imām und der Ḫalīfah für jeden Muslim. Die Erwähnung von „Irak und der Levante (al-ʿIrāq wa al-Šām)“ in dem Namen vom Islamischen Staat wird von fortan von allen offziellen Erwähnungen und Kommunikationen entfernt und der offizielle Name ab dem Tag der Deklaration lautet: ‚Islamischer Staat’.
Wir veranschaulichen den Muslimen das bei dieser Erklärung der Ḫilāfah es für jeden Muslim verpflichtend ist dem Ḫalīfah Ibrāhīm den Treueid abzulegen und ihn zu unterstützen (möge Allah ihn beschützen). Die Rechtmäßigkeit aller Emirate, Gruppen, Staaten und Organisationen sind ungültig mit der Ausweitung der Autorität der Ḫilāfah und der Ankunft der Truppen auf deren Platz.
Imām Aḥmad raḥimahu llāhu sagte, als jene von ʿAbdūs Ibn Mālik al-ʿAṭṭār berichtet: „Es ist nicht zulässig, für jemanden, der an Allah glaubt, zu schlafen ohne zu beachten das sein Führer der ist wer auch immer ihn mit dem Schwert erobert bis er Ḫalīfah wird und er heißt Amīr-ul-Muʾminīn (der Führer der Gläubigen), ob der Führer gerecht oder sündhaft ist.“

Einige Kommentatoren sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um eine bedeutendes Ereignis handeln würde, das den Lauf der Dinge verändert. Terroranalytiker Charles Lister etwa meint, die Ausrufung des Kalifats sei „die bedeutendste Entwicklung im internationalen Dschihadismus seit 9/11“ .

ISIS_2Aber schauen wir uns die Details genauer an. Denn es ist nicht der erste grandiose Anspruch, den Abu Bakr al Baghdadi erhoben hat. Der blutige Streit zwischen ISIS und der konkurrierenden Al Nusra Front ist entstanden als Abu Bakr al Baghdadi einseitig den „Islamischen Staat im Irak“ gründete, und zwar noch während er mit Al Nusra unter seiner Führung zusammen gehörte. Al Nusra hat ihn bekämpft, teilweise sogar besiegt, und vielleicht wurde er sogar von Ayman al Zawahiri aus der Al Kaida ausgeschlossen. In den Monaten seither sind die Kämpfe zwischen Al Nusra und ISIS auch nicht schwächer geworden, ihre Fehde scheint tödlich wie eh und je. Es gibt weiters keine Zeichen einer Abstimmung mit der Islamischen Front, dem „Dachverband“ von sieben Rebellengruppen in Syrien, die ebenso extrem islamistisch wie die ISIS ist. Allgemein hatte man allerdings angenommen, dass Osama Bin Laden zum Kalifen erklärt würde, wenn die USA einmal zusammenbräche. Das ist natürlich nie eingetreten, aber intendiert war es …

ISIS_3Al Baghdadi (auch bekannt als Abu Du’a – im Bild oben vermutlich die erste aktuelle Aufnahme von ihm) ist also nicht der erste islamistische Anführer, dessen Größenwahnsinn ausreicht, um die direkte Nachfolge Mohammeds zu beanspruchen. Mullah Mohammed Omar, der einäugige Anführer der Taliban, hatte sich 1996 selbst zum Amir al-Mu’minin, zum „Führer der Gläubigen“ ausgerufen und dabei den vermeintlichen Mantel von Mohammed in Kandahar angelegt. Natürlich stand Mullah Omar dabei nicht so im Interesse der Weltöffentlichkeit wie es Abu Du’a jetzt tut. ISIS konnte in den letzten Wochen einen erstaunlichen Erfolg im Nordirak einfahren. Aber jenseits des Überraschungsmoments, war ein Teil des Erfolges der Verrat von Teilen der irakischen Armeeführung (nach Berichten ist der kommandierend General von Mosul dort noch immer im Amt, allerdings unter der Fahne der ISIS) und obendrein Zwistigkeiten innerhalb der Irakischen Special Forces (ISF), die auf stammlichen und religiösen Differenzen beruhen (Sunnitische Soldaten, die nicht andere Sunniten für eine mehrheitlich schiitische Regierung bekämpfen wollen, die permanent die sunnitische Minderheit marginalisiert, und schiitische Soldaten, die nicht bereit sind ihr Leben für sunnitische Städte zu riskieren).

Das Überraschungsmoment war bereits vergeben als die Gegenoffensive der ISF in Tikrit, Samarra, und Tal Afar begonnen hat. ISIS hat einfach nicht so viele Käpfer, wie sie die selbst geschwächte ISF haben, besonders wenn die schiitische Mehrheit im Land anfängt zu mobilisieren. Die Schiiten Sistani und Sadr haben die Bevölkerung zu den Waffen gerufen (damit waren beide Kleriker vermutlich das erste Mal auf der selben Seite). Die ISIS Kolonne, die Anfang Juni nach Mosul marschierte, wurde auf 1.500 Kämpfer geschätzt. Auch wenn ihnen ein entschlossener Ruf voraneilt, gegen einen konzentrierten Widerstand können so weniger Kämpfer nicht viel erreichen. Man muss dann noch ihre permanente blutige Rivalität mit anderen Rebellen in Syrien dazurechnen, weiters die syrische Regierung als Gegner und die obendrein die Hisbollah, und es wird eng. Ein Sprecher von ISIS, Abu Mohammed al-Adnani, erklärte: „Die Legalität der Emirate, Gruppen, Staaten und Organisationen ist null und nichtig wenn sich die Autorität des Kalifats ausweitet und seine Truppen nahen. Hört auf euren Kalifen und achtet ihn. Unterstützt euren Staat, der jeden Tag wächst.“ Wenn man sich die überdehnten ISIS Kräfte anschaut, mischen sich in dieser Erklärung ein leichter Tonfall von Verzweiflung mit einer gehörigen Portion an Größenwahn. Versucht Abu Bakr al Baghdadi , indem er Anspruch auf den Mantel Mohammeds erhebt, moralisch zu gewinnen, was er mit Gewalt nicht nehmen kann?

Diejenigen, die auf die Ausrufung des Kalifats reagieren als ob hier ein neues Reich des Bösen enstanden sei, bleiben am Vordergründigen hängen und ignorieren die Eckpunkte der derzeitigen Lage. So wie einige Cesaren des späten Römischen Imperiums, kann al Baghdadi erklären was er will, so lange er nicht real etwas dahinter setzen kann, handelt es sich nur um einen japsend erhobenen Anspruch. Man wird sehen ob er die erreichten Ziele halten kann oder nicht. Denn er führt vielmehr einen Kampf gegen Todfeinde auf beiden Seiten des religösen Grabens, als dass er ein Reich errichten würde.

PETER NEALEN ist ein ehemaliger Reconnaissance Marine und Irak- und Afghanistan-Veteran. Der Artikel ist zuerst im US-amerikanischen Special Operations Netzwerk SOFREP.com erschienen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von SOFREP.com

ISIS_5Die Propagandaabteilung der ISIS betont, dass jetzt erst die erste Grenze gefallen ist. Die moderne Landkarte des Nahen Ostens sehen sie als Ergebnis des Kolonialismus. Der Kampf der Gotteskrieger ist postnational und eigentlich ein theologisch motivierter Weltkrieg von „Gut gegen Böse“. Im Video darf ein chilenischer Mudschahid die Überwindung des Grenzpostens zwischen Irak und Syrien erklären. Gleichzeitig sollen andere Videos mehr internationale Kämpfer anlocken. Der Islamische Staat braucht dringend mehr Truppen um seine befreite Zone zu halten.