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Konflikte
Bits & Pretzels:

Gründerszene trifft auf Verteidigung

Vom 28. bis 30. September 2026 fand in München das Gründerfestival Bits & Pretzels statt, das erstmals einen eigenen Programmblock für Verteidigungsthemen anbot. Trotz der vorhandenen Mittel gibt es eine Lücke zwischen Start-ups und der Bundeswehr bezüglich Anforderungen und Zugang zu Beschaffungsprozessen. Netzwerke sind entscheidend für den Erfolg.

20/10/2026  Von Redaktion

Vom 28. bis 30. September 2026 hat sich in München unter dem Motto „Human After All" das Gründerfestival Bits & Pretzels getroffen, nach Veranstalterangaben mit rund 7.500 Teilnehmenden und etwa 2.000 Investoren. Verteidigung war dort keine Nische mehr, sondern ein eigener Programmblock mit 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche und 20 Stunden Bühnenprogramm. Jan Hesselbarth war vor Ort, hat alte Verbindungen aufgefrischt, neue geknüpft und eine konkrete Chance mitgenommen. Was ihn beschäftigt hat, erklärt er in diesem SPARTANAT Artikel, ist die Lücke zwischen dem verfügbaren Kapital und dem Zugang zur staatlichen Nachfrage.

Ein Gründerfestival mit Verteidigungsflügel

Bits & Pretzels ist seit 2014 das Format, bei dem sich die deutschsprachige Gründer- und Investorenszene im Umfeld des Oktoberfests trifft. Volksfestcharakter, Lederhose, Weißbier, dazu Pitches und Kapitalgespräche. Das Bier war gut, blieb aber Nebensache.

Neu ist die Dichte des Verteidigungsthemas. Die Veranstalter weisen für 2026 eine eigene Defence Area mit 400 Quadratmetern für Verteidigungs- und Dual-Use-Innovation aus, 20 Stunden kuratiertes Bühnenprogramm und über 50 Sprecherinnen und Sprecher aus Streitkräften, Industrie und Investorenlager. Kuratiert wurde der Bereich unter anderem von Vertretern der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie, der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr war als Partner eingebunden.

Dass ein Gründerfestival dem Thema diesen Raum gibt, folgt der Kapitalbewegung. Dealroom.co weist für deutsche Verteidigungs-Startups im laufenden Jahr 2026 ein Wagniskapitalvolumen von rund 3,5 Milliarden US-Dollar aus, getragen von wenigen großen Runden bei Helsing, Quantum Systems, STARK und TYTAN Technologies. Die Darstellung ist eine laufend aktualisierte Übersicht ohne festes Stichdatum, die Größenordnung ist dennoch belastbar: Verteidigung ist in Deutschland innerhalb von zwei Jahren von einem Ausschlussthema vieler Fonds zu einem der kapitalstärksten Segmente geworden.

Kapital ist vorhanden, Zugang entscheidet

Auf der anderen Seite steht die Nachfrage. Der Regierungsentwurf für 2026 sah Verteidigungsausgaben von 108,2 Milliarden Euro vor, davon 82,69 Milliarden Euro im Einzelplan 14 und 25,51 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr, entsprechend einer NATO-Quote von 2,5 Prozent.

Zwischen Kapitalangebot und Beschaffungsbudget liegt das Vergaberecht. Hier hat sich 2026 mehr bewegt, als die meisten Gespräche in München widergespiegelt haben.

Seit dem 14. Februar 2026 gilt das Gesetz zur beschleunigten Planung und Beschaffung für die Bundeswehr. Direktaufträge für Bundeswehrbedarfe sind bis zu den EU-Schwellenwerten möglich, derzeit 443.000 Euro netto für Liefer- und Dienstleistungen und 1 Million Euro bei Bauleistungen unterhalb der EU-Schwellen. Das Gesetz erlaubt ausdrücklich Vorauszahlungen, um kapitalschwächeren Unternehmen und Start-ups die Teilnahme am Wettbewerb zu ermöglichen. Die Pflicht zur Losvergabe ist bis zum 31. Dezember 2030 ausgesetzt, die erhöhten Wertgrenzen gelten bis zum 31. Dezember 2035. Innovationspartnerschaften wurden für Verteidigungsbeschaffungen eingeführt, die Vergabekammer des Bundes ist allein zuständig, und die sofortige Beschwerde hat keine aufschiebende Wirkung mehr.

Diese Regelungen wirken in zwei Richtungen. Für ein junges Unternehmen (wie zum Beispiel WINGCOPTER , THYRA, Autonomous Teaming) mit einem marktreifen Produkt im sechsstelligen Auftragsvolumen senkt der Direktauftrag die Einstiegshürde deutlich, und die Vorauszahlung löst ein Liquiditätsproblem, an dem bisher Serienanläufe gescheitert sind. Für mittelständische Zulieferer verschlechtert die ausgesetzte Losvergabepflicht die Position: Großaufträge können ungeteilt an Generalunternehmer gehen, der Weg in den Auftrag führt dann über die Nachauftragnehmerschaft statt über die eigene Bewerbung. Die Befristung bis Ende 2030 ist ausdrücklich als Evaluationsfenster für die Mittelstandswirkung gesetzt.

Parallel ändert sich die Organisation der Bedarfsdeckung. Das BMVg hat am 20. Mai 2026 mitgeteilt, dass das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik u. Nutzung der Bundeswehr BAAINBw auf eine Matrixstruktur entlang der Dimensionen Land, Luft, See, Cyber und Weltraum umgestellt wird und die Bedarfsdeckung in die drei Fallgruppen Fast Track, Innovation und Komplex gegliedert wird. Das Innovationszentrum in Erding bekommt einen zweiten Standort in Kiel, dessen Aufstellung noch 2026 angestoßen wird. Für Anbieter heißt das: Die Frage, in welcher Fallgruppe ein Vorhaben landet, entscheidet über Zeitachse und Nachweistiefe stärker als die Technologie selbst.

Auf europäischer Ebene hat die Kommission am 30. März 2026 ein Arbeitsprogramm über 1,5 Milliarden Euro zur Stärkung der europäischen und ukrainischen Verteidigungsindustrie beschlossen, erste Aufforderungen zur Einreichung ab dem 31. März 2026 über das EU-Förderportal. Wer dort Mittel einwerben will, braucht Konsortialpartner, und genau diese Partner liefen in München über die Flächen.

Die Konsequenz: Netzwerke schlagen Pitch Decks

Was mich an den drei Tagen beeindruckt hat, war die Unaufgeregtheit. Keine Leistungsshow, keine Statusspiele. Entscheiderinnen und Entscheider aus Industrie, Streitkräften, Behörden und Fonds standen nebeneinander an Stehtischen, und zwar quer über die üblichen Sektorgrenzen hinweg. Ein Gespräch über Sensorik endete bei Fertigungskapazität, ein Gespräch über Fertigungskapazität bei Exportkontrolle. Diese Durchmischung bekommt man auf keiner Fachmesse, weil dort jede Branche unter sich bleibt.

Ich habe in diesen drei Tagen Verbindungen reaktiviert, die Jahre geruht hatten, neue Kontakte aufgebaut und eine belastbare Geschäftschance erarbeitet. Das ist der Grund, warum ich diesen Aufwand für gerechtfertigt halte.

Und es ist zugleich ein Befund, der mich beunruhigt. Die Gründerszene hat Kapital, Tempo und Talent. Die Bundeswehr hat Bedarf und seit Februar ein Instrumentarium, das schnellere Vergaben zulässt. Trotzdem erlebe ich regelmäßig, dass beide Seiten nicht wissen, wie sie miteinander ins Geschäft kommen. Gründer unterschätzen, wie viel Vorbereitung Präqualifikation, Geheimschutzbetreuung, Qualitätsmanagement und Nachweisführung kosten. Behörden und etablierte Hauptauftragnehmer unterschätzen, wie schnell ein unterfinanziertes Team ohne Anschlussauftrag verschwindet. Eine Veranstaltung mit Volksfestcharakter schließt diese Lücke an drei Tagen nicht. Sie macht sie sichtbar, und das ist ein Anfang.

Für mittelständische Unternehmen, die den Markteintritt prüfen, leite ich daraus eine einfache Konsequenz ab: Die kommenden zwölf bis achtzehn Monate sind ein Zeitfenster. Die erhöhten Wertgrenzen gelten, die Losvergabeaussetzung läuft bis Ende 2030, das EDIP-Geld fließt ab 2026, und die Beschaffungsorganisation wird gerade umgebaut. Wer in dieser Phase Beziehungen aufbaut, arbeitet mit dem System. Wer wartet, bis die Strukturen stehen, trifft auf gesetzte Lieferketten.

JAN HESSELBARTH verantwortet als Co-Founder und Managing Partner der BRAVO SIX ADVISORY GmbH den Bereich Defence und bringt über 20 Jahre operative und strategische Führungserfahrung aus Bundeswehr, Bundesbehörden und Privatwirtschaft mit. Als Fallschirmjägeroffizier und Joint Terminal Attack Controller (JTAC) war nach einem Einsatz in Kunduz/Afghanistan beim Landeskommando Hamburg für territoriale Aufgaben und Host Nation Support zuständig. Sein Beratungsportfolio umfasst NATO-Missionen, Programme mit bis zu 1.000 Beteiligten, Ausbildungsbeiträge für mehr als 5.000 Bundeswehrangehörige sowie die Co-Autorenschaft einer bundesweiten Studie zur maritimen Sicherheit für das Bundesministerium des Innern, einem Kernthema im KRITIS-Kontext.

BRAVO SIX ADVISORY online 


 

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