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Theresa Locker analysiert das ukrainische Gefechtsmanagementsystem Delta und die Zusammenarbeit mit Palantir. Der Artikel beleuchtet den Einfluss von Datenkooperationen auf militärische KI in Deutschland und warnt vor der Abhängigkeit von externen Anbietern. Europa sollte eigene Lösungen entwickeln, um strategische Unabhängigkeit zu wahren.
Theresa Locker hat für Tagesspiegel Background Sicherheit & Verteidigung eine gute Analyse veröffentlicht, die ich jedem in diesem Markt zur Lektüre empfehle: Es geht um das ukrainische Gefechtsmanagementsystem Delta, den Brave1 Dataroom und die Frage, was die Bundeswehr da eigentlich einkauft. Der Text ist gut recherchiert, differenziert und stellt die richtige Leitfrage: Gewinnt Palantir über den Umweg der Datenkooperation indirekten Einfluss auf militärische KI in Deutschland?
Am 14. April 2026 haben Deutschland und die Ukraine ein Paket von Vereinbarungen geschlossen, darunter ein Abkommen zum Austausch von Gefechtsdaten. Deutschland erhält Zugang zu kampfgenerierten Daten aus dem ukrainischen Gefechtsmanagementsystem Delta und verwandten Plattformen; im Gegenzug fließen unter anderem Nutzungsdaten deutscher Systeme wie PzH 2000, RCH 155 und IRIS-T in die gemeinsame Auswertung.
Teil des Pakets sind zudem ein Rüstungspaket von rund vier Milliarden Euro und ein Gemeinschaftsunternehmen für die Drohnenfertigung. Bundeskanzler Merz verband damit ausdrücklich die Perspektive, ein gemeinsam mit der Ukraine entwickeltes europäisches System könne die strategische Unabhängigkeit des Kontinents stärken. Bei seinem Kiew-Besuch am 11. Mai kündigte Verteidigungsminister Pistorius an, die Bundeswehr werde in der zweiten Jahreshälfte intensiv mit dem ukrainischen Gefechtsmanagementsystem arbeiten; eine spätere Einführung schloss er ausdrücklich ein.
Was Delta leistet, beschreibt Theresa Locker präzise: Das cloudbasierte System fusioniert Sensordaten, Drohnenfeeds, nachrichtendienstliche Informationen und Meldungen überprüfter Zivilisten zu einem Echtzeit-Lagebild, funktioniert auch offline auf Tablets und Smartphones an der Front und verkürzt die Zeitspanne vom Erkennen eines Ziels bis zur Wirkung von 20 bis 30 Minuten auf drei bis zehn Minuten. Das KI-Modul Avengers klassifiziert nach diesen Angaben rund 12.000 Ziele pro Woche aus Videostreams und lernt kontinuierlich aus Kampfdaten weiter. Entstanden ist Delta ab 2014 aus einer ehrenamtlichen IT-Community, seit etwa 2017 mit Unterstützung des NATO-C4-Trust-Fund. Im Januar 2026 kam der Brave1 Dataroom hinzu: eine Plattform mit historischen Kampfdatensätzen zum Training eigener KI-Modelle, aufgebaut gemeinsam mit Palantir, die Zugriffskontrolle liegt bei der Ukraine.
An einer Stelle verdient der Artikel eine Korrektur, und ich nehme sie vor, weil Präzision in dieser Debatte unsere gemeinsame Währung ist. Der Text schreibt, zehn ukrainische Drohnenpiloten hätten bei der NATO-Übung Hedgehog in Estland "zwei Nato-Bataillone, also 16.000 Soldaten" schachmatt gesetzt. Die 16.000 beziehen sich auf die Gesamtstärke der Übung: An Hedgehog 2025 nahmen mehr als 16.000 Soldaten aus zwölf Nationen teil. Zwei Bataillone umfassen je nach Struktur mehrere hundert bis über tausend Soldaten, zusammen also knapp 10 Prozent davon. Ein Faktencheck von Defence24 ordnet zudem ein, was im Übungsszenario tatsächlich geschah: Rund zehn Operateure simulierten binnen eines halben Tages die Zerstörung von 17 gepanzerten Fahrzeugen und etwa 30 weitere Treffer auf einer Fläche von unter zehn Quadratkilometern; die beiden Bataillone wurden daraufhin nach Übungsmaßstäben für nicht mehr kampffähig erklärt.
Die korrigierte Zahl schmälert den Befund in keiner Weise. Zehn Operateure mit Delta-Anbindung, die zwei NATO-Bataillone binnen zwölf Stunden aus dem Gefecht nehmen, sind Beleg genug für die Überlegenheit eines datengetriebenen Gefechtsbildes über konventionelle Führungsprozesse. Wer diese Lektion mit aufgerundeten Zahlen erzählt, liefert Skeptikern einen Angriffspunkt, den die Sache selbst nicht bietet. Gerade weil der Befund unbequem ist, sollte er unangreifbar vorgetragen werden.
Den analytischen Kern des Artikels teile ich ohne Einschränkung, und er liegt im Begriff der Ontologie: Wer definiert, was auf dem Gefechtsfeld als real und handlungsrelevant gilt? Delta aggregiert heterogene Quellen ohne zentrale Wahrheitsinstanz, das Lagebild entsteht als kollektive Wahrnehmungsleistung, die Entscheidung bleibt beim Menschen auf niedriger Ebene. Palantir arbeitet zentral-analytisch: Algorithmen bereinigen, fusionieren und priorisieren, und die Grundlage dieser Priorisierung bleibt für den Nutzer undurchsichtig. Wer eine solche Ontologie übernimmt, übernimmt eine kommerzielle Filterstruktur für die eigene Lagebeurteilung. Diese Unterscheidung ist präzise und sie ist der Maßstab, an dem jede Beschaffungsentscheidung in diesem Feld gemessen werden sollte.
Die Faktenlage dazu in Deutschland: Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Inspekteur Cyber- und Informationsraum, hat Ende April 2026 eine Einführung von Palantir-Software in der Bundeswehr als derzeit "unvorstellbar" bezeichnet, mit der Begründung, ein Zugriff von Industriemitarbeitern auf den nationalen Datenbestand komme nicht in Frage. Zugleich nutzt die NATO seit 2025 das Maven Smart System von Palantir, gewartet von Palantir-Personal, und die Bundeswehr greift über die Bündnisstrukturen darauf zu. Lockers Schlussfolgerung ist deshalb konsequent: Trainiert Deutschland eigene Modelle auf Brave1-Datensätzen und fließen die Ergebnisse über NATO-Kanäle in Bündnissysteme zurück, gewinnt Palantirs Ontologie indirekten Einfluss auch dort, wo die Software offiziell ausgeschlossen wurde. Die Vordertür ist verschlossen, das Fenster steht offen.
Bemerkenswert ist, wie die Ukraine selbst mit dieser Abhängigkeitsfrage umgeht. Kiew hat aus der Erfahrung von Cherson 2022, als abgeschaltete Starlink-Terminals Operationen beeinträchtigten, eine klare Architektur abgeleitet: Delta bleibt in ukrainischem Eigentum und ukrainischer Entwicklung, Palantir ist Partner mit definierten Kooperationsvereinbarungen und trägt keine Betreiberrolle, die Zugriffskontrolle über den Dataroom bleibt national. Ein Land im Verteidigungskrieg, unter höchstem Druck, leistet sich diese Souveränitätsdisziplin. Darin liegt eine Vorlage für Deutschland, und sie stammt aus Kiew.
Zur Faktenlage gehört auch: Europa steht bei diesem Thema keineswegs mit leeren Händen da. Die Bundeswehr prüft nach der Absage an Palantir europäische Anbieter für ihre Cloud- und KI-Vorhaben; in der Berichterstattung genannt werden unter anderem Helsing, dessen Software bereits bei Bundeswehreinheiten im Einsatz ist, SAP mit souveränen Cloud-Angeboten und Atos, daneben kleinere Anbieter aus Deutschland und Frankreich. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat sich für eine Alternative zu Palantir entschieden. In der Fachdebatte wird zugleich zu Recht darauf hingewiesen, dass ein einzelnes Produkt als Ersatz nicht genügt; gebraucht wird ein Ökosystem aus Datenzugang, Integrationsfähigkeit und Betriebsmodell. Und mit dem deutsch-ukrainischen Abkommen liegt der wertvollste Rohstoff dieses Ökosystems nun auf dem Tisch: kampfgenerierte Trainingsdaten aus drei Kriegsjahren, wie sie kein US-Anbieter und kein Labor der Welt reproduzieren kann.
Die Bausteine existieren. Was ich bisher nicht sehen kann, ist die Entscheidung, sie zusammenzusetzen.
Damit zur Konsequenz, die über den Artikel hinausgeht, und sie richtet sich an die deutsche und europäische Rüstungsindustrie, die etablierten Häuser ebenso wie die Startups.
Drohnen bauen können heute viele. Das ist bewusst sehr stark vereinfacht, denn Engineering, Zulassung, Serienfertigung und Härtung gegen elektronische Kampfführung bleiben anspruchsvoll. Die Richtung stimmt trotzdem: Flugzellen, Motoren und Optiken sind zu weiten Teilen Commodity geworden, die Ukraine fertigt Millionen Stück pro Jahr, und das deutsch-ukrainische Gemeinschaftsunternehmen zeigt, wie schnell sich Produktionskapazität inzwischen aufbauen lässt. Die Fähigkeit, die im Gefecht den Unterschied macht, sitzt in der Software: in der Datenfusion, die z.B. aus 150.000 Videofeeds ein Lagebild formt, in den Algorithmen, die 12.000 Ziele pro Woche klassifizieren, in der Architektur, die eine Kill-Chain von 30 Minuten auf drei verkürzt. Hedgehog hat genau das vorgeführt: Den Unterschied machten zehn Operateure mit dem besseren Datenbild, die Masse der Plattformen stand auf der anderen Seite.
Daraus folgt eine Entscheidung, um die die deutschen Rüster nicht herumkommen: Überlassen wir das Datenfeld den Palantirs dieser Welt, oder bauen wir die europäische Lösung.
Wer heute Drohnen, Effektoren oder Sensoren fertigt und die Datenebene als Zulieferdetail behandelt, wird morgen austauschbarer Hardwarelieferant in der Wertschöpfungskette eines fremden Software-Ökosystems sein. Wer die Datenebene besetzt, definiert die Ontologie des Gefechtsfeldes mit. Zwischen diesen beiden Positionen gibt es auf Dauer wenig Raum.
Und weil das Wort Emanzipation schnell missverstanden wird, sage ich präzise, was ich meine. Es liegt in Europas Interesse, mit den Vereinigten Staaten verbündet zu bleiben, in der NATO, in der Nachrichtendienst-Kooperation, in der Industrie. Augenhöhe innerhalb dieses Bündnisses setzt allerdings eigene Fähigkeit voraus. Nein sagen kann in einer Verhandlung nur, wer eine eigene Option besitzt; wer keine hat, nennt seine Zustimmung Partnerschaft und meint Notwendigkeit. Die Ukraine hat vorgemacht, wie beides zusammengeht: enge Kooperation mit US-Anbietern und zugleich Eigentum an System, Daten und Zugriffskontrolle. Genau diese Kombination beschreibt, was Europa bei Defence anstreben sollte. Das Abkommen vom April, die vorhandenen europäischen Anbieter und der Datenschatz aus Kiew ergeben zusammen ein Zeitfenster. Es steht offen, und es bleibt es erfahrungsgemäß kurz.
JAN HESSELBARTH verantwortet als Co-Founder und Managing Partner der BRAVO SIX ADVISORY GmbH den Bereich Defence und bringt über 20 Jahre operative und strategische Führungserfahrung aus Bundeswehr, Bundesbehörden und Privatwirtschaft mit. Als Fallschirmjägeroffizier und Joint Terminal Attack Controller (JTAC) war nach einem Einsatz in Kunduz/Afghanistan beim Landeskommando Hamburg für territoriale Aufgaben und Host Nation Support zuständig. Sein Beratungsportfolio umfasst NATO-Missionen, Programme mit bis zu 1.000 Beteiligten, Ausbildungsbeiträge für mehr als 5.000 Bundeswehrangehörige sowie die Co-Autorenschaft einer bundesweiten Studie zur maritimen Sicherheit für das Bundesministerium des Innern, einem Kernthema im KRITIS-Kontext.
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