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Die Diskussion um die Skalierung in der wehrtechnischen Produktion betont, dass strategische Klarheit und eine unternehmensweite Perspektive essenziell sind. Automatisierung und Industriestrukturen müssen an spezifische Anforderungen angepasst werden, um die Lieferfähigkeit zu verbessern. Die Carl-Cranz-Gesellschaft mit ihren Seminaren fördert den Wissensaustausch in der Branche.
Die Diskussionen und Bemühungen zur Skalierung in der wehrtechnischen Produktion beschäftigen Politik und Industrie. Der politische Druck auf Verfügbarkeit, Lieferfähigkeit und industrielle Resilienz ist hoch, gleichzeitig stoßen viele Unternehmen an Grenzen, die sich nicht allein durch mehr Personal, mehr Schichten oder mehr Investitionen auflösen lassen. Die Ansage von Beratungen, die sich bei führenden Systemhäusern die Klinke in Hand geben lautet: „Automotive goes Defence“. Der Ansatz scheint naheliegend, da man zum einen in Automotive auf einen umfassenden Erfahrungsschatz blicken kann. Zum anderen werden in der ehemals treibenden Industrie Kapazitäten frei.
Im Rahmen der ENFORCE TAC 2026 bot die Carl-Cranz-Gesellschaft unter anderem ein zweitägiges Seminar zur Skalierung in der wehrtechnischen Produktion an. Eine gekürzte Fassung wurde zusätzlich als 90-minütige „Masterclass“ angeboten. Die Unterlagen sind als Download HIER zu finden.
344 Folien in 15 Stunden, vorgetragen durch knapp ein Dutzend Referenten aus 3 Unternehmen – das Format bietet einen umfassenden und tiefen Einblick in die Erfahrungen der Beratung P3, den aktuellen Stand der Forschung des Fraunhofer IGCV und die Fähigkeiten des fränkischen Anlagenbauers M.A.I. GmbH & Co KG.
Der wesentliche Erkenntnisgewinn des Seminars liegt weniger in einzelnen Technologieaspekten als in der vermittelten Struktur und Leitbild: Skalierung beginnt nicht in der Fertigung, sondern mit strategischer Klarheit. Zunächst definiert die Strategie das Zielbild. Produkt und Prozesse schaffen anschließend die notwendige Stabilität. Das Produktionssystem gibt der Umsetzung Struktur. Erst dann folgt die Organisation konsequent dem Prozess. Diese Reihenfolge ist keine akademische Feinheit, sondern in der Praxis entscheidend. Wer mit Layout, Automatisierung oder Linienplanung beginnt, ohne Zielarchitektur, Produktlogik und Reifegrad ausreichend geklärt zu haben, optimiert im Zweifel in die falsche Richtung. Christian Kienzle, Partner der P3 und Hauptmann a.D. der Gebirgsjäger, wird nicht müde dies immer wieder aufzuzeigen.
Warum ist dies gerade für die Rüstungsindustrie relevant? Anders als in vielen zivilen Industrien ist Lieferfähigkeit hier kein rein operatives Thema, sondern ein strategischer Faktor. Verfügbare Systeme sind sicherheitspolitisch relevanter als „normale Autos“. Abhängigkeiten, Single Points of Failure und nicht synchron mitwachsende Lieferketten sind damit nicht nur Effizienzprobleme, sondern reale Versorgungsrisiken. Hinzu kommt, dass Bedarfe politisch getrieben, sprunghaft und nur begrenzt planbar sind. Die Referenten bringen es auf den Punkt: Projektlogik trifft auf Versorgungsrealität. Genau dort besteht das Risiko eines Bruchs zwischen technischem Projekterfolg und industrieller Lieferfähigkeit.
Ein zweiter wertvoller Impuls war die Unterscheidung zwischen Projekt und Produkt beziehungsweise Plattform. Industrielle Skalierung kann nicht aus permanenter Projektübersteuerung entstehen, sondern bedarf wiederholbaren, standardisierbaren und modularisierbaren Strukturen. Das ist für die Wehrtechnik ein neuralgischer Punkt. Viele Programme sind historisch stark projektgetrieben, häufig kundenindividuell spezifiziert und durch wechselnde Anforderungen geprägt. Skalierung verlangt jedoch eine andere Denkrichtung: weniger Einzelfalloptimierung, mehr Plattformfähigkeit; weniger Sonderlösung, mehr beherrschbare Varianz; weniger heroische Improvisation, mehr reproduzierbarer Prozess.
Zwei Bilder aus öffentlich zugänglichen Medien zeigen einen Blick in die Fertigung deutscher Schützenpanzer und russischer T-72. Einzelfertigung im Vergleich zu seriennaher Produktion: Der Unterschied liegt nicht nur in der Stückzahl, sondern im gesamten Systemaufbau: ungeplante Materialbereitstellung gegen taktgenaue Versorgung, keine Vormontagen gegen strukturierte Unterbaugruppen, handwerkliche Einzelabfolge gegen abgestimmtes Montageband.
Nach der strategischen Einordnung und Grundlagen zu Skalierung von Produktion vertieften sich die Inhalte mit einer 360-Grad-Sicht auf die verschiedenen Unternehmensbereiche. Produktion wächst nicht isoliert. Je nach Skalierungsstufe entstehen in verschiedenen Unternehmensbereichen sprunghafte Anpassungsbedarfe. Jeder Bereich wurde im Rahmen eines „Deep Dive“ beleuchtet: Entwicklung, Industrial Engineering, Produktion, Qualität, Instandhaltung, Logistik, Lieferantenmanagement, Einkauf, Werk/Standort, Organisation/Personal, IT-Infrastruktur und Controlling. Wer Skalierung nur als Fertigungsthema versteht, unterschätzt den systemischen Charakter der Aufgabe.
Besonders interessant war die Einordnung der unterschiedlichen Produktionsformen für die Standort- und Zielbestimmung von Unternehmen. Zwischen Einzelfertigung, Manufaktur, Kleinserie, Großserie und Massenproduktion verändern sich nicht nur Stückzahlen und Stückkosten, sondern auch Standardisierung, Infrastrukturbedarf, Investitionslogik und Anforderungen an die Supply Chain. Für viele wehrtechnische Produkte wird der Zielzustand eben nicht klassische Massenproduktion sein, sondern eine robuste, beherrschte Klein- oder Mittelserie mit hoher Wiederholbarkeit, definierter Variantenlogik und belastbaren Lieferketten. Genau deshalb ist der unreflektierte Verweis auf Automotive problematisch. Nicht jede Lehre aus der Automobilindustrie ist falsch – aber nicht jede Zielarchitektur der Automobilindustrie ist für Defence sinnvoll.
Das gilt besonders für das Thema Automatisierung. Das Seminar hat hier einen sinnvollen methodischen Pfad aufgezeigt: Zuerst Automatisierungswürdigkeit prüfen, dann eliminieren, vereinfachen und stabilisieren, erst danach mechanisieren, teilautomatisieren, systematisieren und datenbasiert betreiben. Automatisierung ist kein Selbstzweck. Sie setzt stabile und wirtschaftlich relevante Prozesse voraus. Alles, was keine direkte Wertschöpfung erzeugt, sollte zunächst entfernt werden. Produkt und Prozess müssen so standardisiert sein, dass Varianten, Streuung und Fehler systematisch beherrscht werden. Erst auf dieser Grundlage lohnt sich tiefergehende Automatisierung.
Ebenso wichtig ist der eher nüchterne Blick auf die Beschaffungszeiten von Anlagen und Maschinen. Je nach Komplexität liegen zwischen Standardanlage, angepasster Lösung und echter Neuentwicklung erhebliche Zeitunterschiede. Einzelanlagen bewegen sich grob im Bereich von sechs bis zwölf Monaten, integrierte Produktionslinien eher bei zwölf bis achtzehn Monaten, große Anlagen oder Fabrikstrukturen teils deutlich darüber. Hinzu kommen klassische Projektrisiken wie fehlende abgesicherte Prozessparameter, verspätete Long-Lead-Bestellungen, nicht verfügbare Komponenten für FAT und Inbetriebnahme, unzureichend gesteuerte Subunternehmer oder fehlende Fachkräfte für SPS, Robotik und Anlauf.
Spannend war zudem das Konzept des wandlungsfähigen Produktionssystems. Gerade in unsicheren Märkten und bei mittleren Stückzahlen ist nicht nur maximale Effizienz wichtig, sondern strukturelle Anpassungsfähigkeit. Sequenzielle Montagelinien, By-Pass-Lösungen, teilweise entkoppelte Bereiche oder parallel autonome Linien können je nach Reifegrad und Stückzahl sinnvoller sein als ein früh überintegriertes Gesamtsystem. Für die Wehrtechnik ist das besonders relevant, weil Stückzahlen, Kundenanforderungen und Programmverläufe oft deutlich volatiler sind als in klassischen Konsumgütermärkten.

Ergänzend dazu zeigte das Seminar verschiedene Stoßrichtungen für Skalierung: Skalierung in der Entwicklung, in der Geschwindigkeit, in der Variantenbeherrschung und in der Produktion. Diese Differenzierung ist hilfreich, weil sie ein verbreitetes Missverständnis korrigiert. Skalierung bedeutet nicht automatisch nur „mehr Stückzahl“. Sie kann ebenso bedeuten, Entwicklungsaufwände durch Wiederverwendung zu reduzieren, Time-to-Market zu verkürzen, Produktkomplexität über Module und Baukästen zu beherrschen oder Produktionsprozesse durch Standardisierung und Wiederholbarkeit belastbarer zu machen. Für viele wehrtechnische Unternehmen dürfte genau diese Mehrdimensionalität der praktikablere Zugang sein.
Aus Industriesicht bleibt dennoch eine kritische Einordnung notwendig. Die methodischen Modelle waren stark, es fehlten belastbare Fallbeispiele aus der Rüstungsindustrie. Hinzu kommt, dass strategische Entscheidungen in wehrtechnischer Produktion und Beschaffung eben nicht allein von der Industrie getroffen werden. Öffentliche Auftraggeber, nationale Regularien, Geheimschutz, Obsoleszenzmanagement, Offset-Anforderungen, länderspezifische Vorgaben und programmbezogene Steuerungslogiken – bis hin zu Anforderungen aus dem V-Modell XT – prägen den Handlungsspielraum. Genau deshalb lassen sich Reifegradmodelle und Industrialisierungslogiken nicht eins zu eins aus anderen Branchen übertragen.
Das Seminar hat einen klaren Rahmen gesetzt und wichtige Denkanstöße geliefert: Skalierung beginnt mit strategischer Klarheit, braucht eine unternehmensweite 360-Grad-Perspektive und darf Automatisierung nur als Folge stabiler Prozesse verstehen. Gerade die Unterscheidungen zwischen Projekt und Produkt, zwischen Einzelfertigung und Serienlogik sowie zwischen verschiedenen Stoßrichtungen der Skalierung sind für die wehrtechnische Praxis sehr wertvoll.
Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Die Wehrtechnik braucht nicht einfach mehr Automotive-Rhetorik, sondern mehr belastbare, branchenspezifische Industrialisierungsbeispiele. Entscheidend ist nicht, ob Defence „wie Automotive“ werden kann. Entscheidend ist, an welchen Stellen industrielle Exzellenz aus anderen Branchen sinnvoll adaptierbar ist – und an welchen Stellen die Besonderheiten öffentlicher Beschaffung, regulatorischer Rahmenbedingungen und militärischer Nutzung eigene Antworten verlangen.
Im Rahmen ihrer Angebote leistet die Carl Cranz Gesellschaft (CCG) einen wesentlichen Beitrag für den Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch in der Branche.
Die Carl-Cranz-Gesellschaft (CCG) bietet eine Vielzahl an wehrtechnischen Seminaren für die professionelle Weiterbildung an. HIER ist das aktuelle Programm zu finden.
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