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Der Defence TechDay 2026 im Fliegerhorst Erding offenbarte Schwächen in der Sicherheitskultur, als trotz eines Verbots zahlreiche Teilnehmer Fotos machten. Die Gefahren durch unbedachtes Teilen sensibler Informationen wurden betont, während rechtliche und technische Risiken thematisiert wurden. Sicherheitsbewusstsein muss in der Branche gestärkt werden.
Kein Spass - aber ich muss mal meckern und ein wenig Salz in die Suppe streuen hier …Am 22. Oktober war SPARTANAT Autor Jan Hesselbarth auf dem Defence TechDay 2026 im Fliegerhorst Erding - organisiert von Bayern Innovativ GmbH. Das Film- und Fotografierverbot stand vorab in der Teilnehmermail und wurde vor Ort ausgesprochen. Über den Tag hinweg habe ich trotzdem Dutzende Mobiltelefone in der Luft gesehen, und am Abend lief der Bilderstrom bereits durch LinkedIn. Wir liefern damit Material, das niemand von uns einem fremden Nachrichtendienst auf Nachfrage aushändigen würde.
Der Defence TechDay 2026 fand am 22. Oktober 2026 im Fliegerhorst Erding statt, veranstaltet von der Bayern Innovativ GmbH über das Innovationsnetzwerk Sicherheit. Das Teilnehmerfeld war geschlossen, der Anmeldeschluss lag am 15. Oktober, nachträgliche Anmeldungen waren ausgeschlossen. Eingeladen waren Entscheidungsträger aus BMVg und Bundeswehr, aus Sicherheitsbehörden, BND, BKA und Landespolizeien sowie die Defence Wirtschaft.
Inhaltlich ging es zur Sache. Drei Live-Szenarien zeigten strategische Aufklärung aus dem Orbit mit KI-gestützter Datenfusion, den Schutz mobiler Kräfte gegen Drohnen und GNSS-Spoofing sowie autonome Punktverteidigung kritischer Infrastruktur. Beteiligt waren unter anderem Rheinmetall, HENSOLDT, Diehl Defence, Airbus Defence and Space, Quantum Systems, ARX Robotics, Rohde & Schwarz, OHB SE, constellr, LiveEO, WINGCOPTER, THYRA, MBDA, Autonomous Teaming, STARK und etliche andere. Dazu kam die Eröffnung des Defense Lab Erding und eine Begleitausstellung mit Static Displays.
Das ist, in der Summe, ein Querschnitt durch das, was die deutsche Verteidigungsinnovation derzeit kann. Genau deshalb war der Tag für die Anwesenden so wertvoll. Und genau deshalb ist er für andere so interessant.
Die öffentliche Veranstaltungsseite enthält keine Angaben zu Aufnahmeverboten. Die Untersagung kam über die Teilnehmerkommunikation und wurde vor Ort wiederholt. Sie war eindeutig formuliert, sie war verständlich, und sie war begründet.
Gehalten hat sie kaum jemand daran. Bei den Live-Szenarien standen Telefone in der Luft, an den Static Displays wurde aus kurzer Distanz gefilmt, in den Pausen wurde fotografiert. Auffälliger als das Verhalten selbst war die Reaktion darauf: Es gab keine. Niemand sprach jemanden an. Ich eingeschlossen, jedenfalls seltener, als ich es im Rückblick für richtig halte. Am Abend und in den letzten zwei Tagen danach liefen die Bilder durch LinkedIn, versehen mit Namen, Firma, Funktion und einer Zeile Begeisterung.
Ich verstehe den Impuls. Man steht vor einem autonomen System, das vor zwei Jahren noch eine Folie war, und will das teilen. Die Branche wächst, Sichtbarkeit zahlt auf Auftragsanbahnung ein, und ein gutes Bild von einem guten Tag ist ein gutes Marketinginstrument. Der Impuls ist menschlich. Die Folgen sind es nicht.
Ein einzelnes Foto gibt selten etwas preis, das eine Gegenseite nicht ohnehin hätte. Die Wirkung entsteht durch Aggregation, und sie entsteht ohne Zutun desjenigen, der das Bild hochlädt.
Aus einer Sammlung von Teilnehmerfotos eines geschlossenen Formats lässt sich mit geringem Aufwand ableiten: welche Systeme in welchem Reifegrad tatsächlich existieren statt nur auf Datenblättern; welche Sensorik, Antennenkonfiguration und Schnittstellen verbaut sind; welche Firmen miteinander auf der Bühne stehen und damit vermutlich in einem Konsortium arbeiten; wer aus welcher Behörde anwesend war und mit wem gesprochen hat; wie das Gelände aufgebaut ist, wo Zugänge liegen, wie weit Absperrungen reichen. Dazu kommt, was im Hintergrund mitläuft: Namensschilder, aufgeklappte Rechner, Präsentationsfolien, Fahrzeugkennzeichen.
Der Nutzen für eine Gegenseite liegt auf zwei Ebenen. Die erste ist technisch: ein Bild eines Effektors neben einem Menschen liefert Maßstab, Bauweise und Integrationsstand, und damit Hinweise auf Gegenmaßnahmen. Die zweite ist personell, und sie wird in unserer Branche unterschätzt. Wer anhand öffentlicher Posts weiß, dass Herr X von Firma Y als Entwicklungsleiter in Erding war, hat eine qualifizierte Zielperson samt Themenaufhänger für eine Anbahnung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt seit Jahren vor genau diesem Muster über Karrierenetzwerke, dokumentiert insbesondere für chinesische Dienste, die über gefälschte Beraterprofile Kontakt aufbauen.
Das BfV hat diese Warnung im Juli 2026 für unsere Branche ausdrücklich aktualisiert. Der Sicherheitshinweis für die Wirtschaft 02/2026 trägt den Titel “Sicherheits- und Verteidigungsbranche als Zielfläche” und bewertet die Gefährdungslage als hoch, mit besonderem Fokus auf Unternehmen mit Ukraine- oder Technologiebezug. Zwei der Empfehlungen lauten, in sozialen Netzwerken und Karriereplattformen zurückhaltend mit Angaben zu Aufgaben, Projekten und Standorten umzugehen und Veröffentlichungen vorab auf Sicherheitsrisiken zu prüfen. Das ist keine Theorie aus einem Grundsatzpapier, das ist eine behördliche Handlungsempfehlung, die im Juli an die Kammern ging und die vier Wochen später in Erding sichtbar niemand angewandt hat.
Ein Aufnahmeverbot auf einem Fliegerhorst stützt sich zunächst auf das Hausrecht des Betreibers und auf die Teilnahmebedingungen. Ein Verstoß ist ein Vertragsverstoß mit der Folge, dass man des Platzes verwiesen und künftig nicht mehr eingeladen wird.
Darüber hinaus gibt es eine Strafnorm, die in der Branche wenig präsent ist. Nach § 109g Absatz 1 StGB macht sich strafbar, wer von Wehrmitteln, militärischen Einrichtungen oder Anlagen oder von militärischen Vorgängen Abbildungen anfertigt oder weitergibt und dadurch wissentlich die Sicherheit der Bundesrepublik oder die Schlagkraft der Truppe gefährdet. Der Strafrahmen reicht bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Absatz 4 erfasst denselben Sachverhalt bei vorsätzlicher oder leichtfertiger Gefährdung mit bis zu zwei Jahren, und er stellt klar, dass Handeln mit Erlaubnis der zuständigen Dienststelle straflos bleibt.
Zur Einordnung, und das ist ausdrücklich keine Rechtsberatung: Die Hürde “wissentliche Gefährdung” ist hoch, der Posting-Reflex des Durchschnittsteilnehmers wird sie in aller Regel nicht erreichen. Die Norm zeigt aber, wo der Gesetzgeber die Grenze gezogen hat, und die Variante der Leichtfertigkeit in Absatz 4 liegt näher am Alltag, als vielen bewusst ist. Ob im konkreten Fall ein Tatbestand erfüllt ist, bleibt eine Frage der Einzelfallprüfung. Dass ein akkreditierter Fotograf mit Freigabe etwas anderes ist als dreihundert Telefone ohne Freigabe, ergibt sich bereits aus dem Erlaubnisvorbehalt derselben Vorschrift.
Die Zahlen, die es derzeit gibt, stammen überwiegend aus Berichterstattung über behördliche Lagebilder und sind damit zweite Hand. Ich kennzeichne das, weil die Primärquellen nicht veröffentlicht sind.
CORRECTIV hat am 20. Oktober 2026 interne Papiere des im Juni 2026 eröffneten Gemeinsamen Abwehrzentrums Hybride Bedrohungen (GAZH) ausgewertet. Für das Jahr 2026 bis zum Stichtag 19. August nennt das dort zitierte BKA-Lagebild 163 Sabotageverdachtsfälle, 1.034 Drohnenüberflüge über kritische Infrastruktur, militärische Einrichtungen und Rüstungsunternehmen sowie 25 Spionageermittlungsverfahren, davon 13 im Cyberbereich. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume, eine Methodik zur Zählung von Verdachtsfällen wird nicht mitgeliefert, und die Papiere selbst sind nicht öffentlich. Als Größenordnung sind sie belastbar genug, als Statistik sind sie es nicht.
Ergänzend: Ein Sprecher des Operativen Führungskommandos sprach im August 2026 gegenüber dem Redaktions Netzwerk Deutschland von “einige Hundert” mutmaßlichen Drohnenüberflügen im Bereich der Bundeswehr seit Beginn des russischen Angriffskriegs. In der Nacht vom 6. auf den 7. August 2026 wurden über der Bleiberg-Kaserne in Mechernich mindestens sechs verdächtige Überflüge registriert.
Jemand investiert also erhebliche Mittel, um Bildmaterial von unseren Liegenschaften und Werken zu beschaffen. Wir produzieren dasselbe Material kostenlos und stellen es mit Klarnamen ins Netz.
Am 1. Januar 2023 traf ein ukrainischer Angriff eine russische Unterkunft in Makijiwka. Das russische Verteidigungsministerium nannte am 4. Januar 2023 offiziell 89 Gefallene und führte als Hauptursache die massenhafte, regelwidrige Nutzung privater Mobiltelefone durch die Soldaten an, die eine Ortung ermöglicht habe.
Diese Darstellung stammt von einer Partei in eigener Sache, die ein Interesse daran hatte, Verantwortung nach unten zu verschieben, und die Opferzahl ist unabhängig nie bestätigt worden. Die Begründung hat die russische Führung dennoch öffentlich gewählt, weil sie plausibel ist. Ein Telefon in der Hand eines Menschen, der stolz auf seinen Einsatzort ist, ist ein Sensor für die Gegenseite.
Zwischen einem Industrieformat in Oberbayern und einer Unterkunft im Donbass liegt ein weiter Weg. Das Prinzip ist dasselbe.
Wir reden in dieser Branche viel über Resilienz, über Sicherheitskultur, über Need-to-know. Wir verkaufen Systeme, die Gegner aufklären sollen, und wir schreiben Angebote, in denen Geheimschutzbetreuung und Sicherheitsüberprüfung als Qualitätsmerkmal stehen. Ein Auftraggeber, der Ihre Mitarbeiter am Abend eines Verbotstags im Netz wiederfindet, zieht daraus Schlüsse über Ihre Fähigkeit, auch Verfahrensauflagen einzuhalten, die Geld kosten.
Hinzu kommt eine Beobachtung, die mir in Erding mehr zu denken gegeben hat als die Telefone selbst. Niemand hat jemanden angesprochen. Eine Sicherheitskultur, in der eine Regel gilt, aber niemand sie einfordert, ist eine Dekoration. Sie hält im Audit, und sie hält keine fünf Minuten in einem Saal mit dreihundert Menschen und einem guten Motiv.
Wir sollten das besser können als andere Branchen. Es ist unser Geschäft.
JAN HESSELBARTH verantwortet als Co-Founder und Managing Partner der BRAVO SIX ADVISORY GmbH den Bereich Defence und bringt über 20 Jahre operative und strategische Führungserfahrung aus Bundeswehr, Bundesbehörden und Privatwirtschaft mit. Als Fallschirmjägeroffizier und Joint Terminal Attack Controller (JTAC) war nach einem Einsatz in Kunduz/Afghanistan beim Landeskommando Hamburg für territoriale Aufgaben und Host Nation Support zuständig. Sein Beratungsportfolio umfasst NATO-Missionen, Programme mit bis zu 1.000 Beteiligten, Ausbildungsbeiträge für mehr als 5.000 Bundeswehrangehörige sowie die Co-Autorenschaft einer bundesweiten Studie zur maritimen Sicherheit für das Bundesministerium des Innern, einem Kernthema im KRITIS-Kontext.
BRAVO SIX ADVISORY online
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