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Jakob Kolbeck, Geschäftsführer von LINDNERHOF, beschreibt, wie seine Erfahrungen aus Spezialeinsätzen die Produktentwicklung prägen. Das Unternehmen setzt auf Funktionalität und enge Zusammenarbeit mit Militär und Polizei. Innovationen entstehen durch Praxiserfahrungen und Kundenfeedback, um robuste, benutzerfreundliche Lösungen zu bieten.
Jakob Kolbeck ist der Geschäftsführer von LINDNERHOF. Die produzieren – als Firma schon von der Gründung her mit einem Hintergrund im KSK – für Militär und Polizei, Regulär- und Spezialeinsatzkräfte. Seit einiger Zeit gehört LINDNERHOF, die von der Pike aufgewachsen sind, mit UF PRO zu MEHLER SYSTEMS. Damit sind sie mehr denn je ein großer Player im Ausrüstungspiel und ein wichtiger Teil im Systemhaus, das Komplettlösungen liefern kann. Kolbeck selbst kommt aus den deutschen Spezialkräften. Wir wollten von ihm wissen, wie er mit seiner Erfahrung die Produktentwicklung prägt und was die Leitlinie von LINDNERHOF für ihr Gear ist.
SPARTANAT: Wie haben sich Ihre eigenen Erfahrungen mit Sondereinsätzen auf Ihren Führungsstil bei LINDNERHOF und die Arbeitsweise des Unternehmens ausgewirkt? Können Sie uns ein Beispiel für ein Produkt nennen, das von diesen Erfahrungen inspiriert wurde?
Jakob Kolbeck: Bei meinen Spezialeinsätzen habe ich gelernt, mich schnell anzupassen und entschlossen zu reagieren. Das Denkkonzept „Planen, umsetzen, prüfen, handeln“ ist tief in meiner Arbeitsweise verwurzelt – es wurde mir durch meine Einsätze im Feld zur zweiten Natur. Bei LINDNERHOF schlägt sich dieser Ansatz in einem kontinuierlichen Verbesserungs- und Anpassungszyklus nieder, zumal wir aufs Engste mit Kunden wie Polizei und Militär zusammenarbeiten. Wir entwerfen nicht nur Produkte, sondern lösen auch aktiv Probleme, mit denen Einsatzkräfte im Feld konfrontiert sind.
Ein konkretes Beispiel sind unsere taktischen Klettergurte. Diese Produkte sind unmittelbar durch meine eigenen operativen Einsätze geprägt. In ihnen sind meine Erfahrungen als SOF-Streitkraft und Heeresbergführer zusammengefasst. Mein in der Praxis erworbenes Wissen beeinflusste sowohl das Design als auch die Funktionalität unserer aktuellen Modelle.

Wie behält LINDNERHOF seinen Design-Vorsprung gegenüber anderen in der Branche?
Wir arbeiten mit einer einfachen, aber alles entscheidenden Designphilosophie: Funktionalität geht vor. Das heißt, wir machen niemals Kompromisse bei den taktischen Anforderungen, um ein Produkt auf Kosten der Leistung kommerziell attraktiver oder komfortabler zu machen. Zum Beispiel würden wir keine zusätzliche Polsterung an einem Plattenträger anbringen, die vielleicht den Tragekomfort erhöht, aber zur Folge hätte, dass sich ein Gewehrschaft nicht mehr richtig an die Schulter legen lässt. Jedes Feature, das wir integrieren, muss in der Praxis einen Zweck erfüllen.
Innovation bei LINDNERHOF ist eng mit Praxistauglichkeit verknüpft. Innovationen erfüllen bei uns keinen Selbstzweck. Unsere Innovationen lösen echte Probleme oder verbessern die Funktionalität. In vielen Fällen führt das Streben nach Funktionalität ganz von selbst zu Innovationen.
Wie beeinflussen die Erfordernisse von Militär und Polizei Ihre Produktentwicklung?
Hinter unserer Entwicklung stehen voll und ganz die Anforderungen von Militär und Polizei. Wir entwerfen Produkte nie ausschließlich für den Einzelhandelsmarkt. Jedes Produkt, das wir Zivilisten anbieten, ist im Wesentlichen eine Version von etwas, das wir zuerst anhand der operativen Anforderungen professioneller Anwender entwickelt haben.
Wie beeinflusst die Praxiserfahrung die Entwicklung von LINDNERHOF-Produkten?
Praxiserfahrung prägt alles – vor allem, wenn es um Belastbarkeit und Benutzerfreundlichkeit geht. Ein Produkt muss intuitiv in der Handhabung und robust genug sein, um extremen Bedingungen standzuhalten. Wir verzichten auf unnötige Spielereien, die vielleicht cool aussehen, aber im Feld keinen Zweck erfüllen. Alle, die in unseren Entwicklungsprozess involviert sind – vom Designer bis zur Näherin – verstehen, dass von unseren Produkten Leben abhängen können.
Wie bringen Sie Belastbarkeit, Gewicht und Anpassbarkeit im Produktdesign unter einen Hut?
Zuerst definieren wir, was ein Produkt leisten muss, was die operativen Anforderungen sind. Nehmen wir als Beispiel unseren ultraleichten Plattenträger: Wir haben nicht primär auf das Gewicht geschaut. Entscheidend waren die Leistungsanforderungen, und siehe da: Er wurde einer der leichtesten Plattenträger überhaupt. Hätten wir uns nur auf das Gewicht konzentriert, hätte möglicherweise die Belastbarkeit darunter gelitten. Bei der Entwicklung eines leichten Produkts geht es nicht nur darum, Gewicht abzuspecken. Es geht darum, zu verstehen, wo die Problemstellen liegen und wie ein Produkt tatsächlich verwendet wird.

Wie wichtig ist das Feedback der Nutzer im Produktentwicklungszyklus?
Es ist absolut unverzichtbar. Wir behaupten nicht, alle Antworten zu haben. Das Feedback von Elite-Anwendern erlaubt es uns, unsere Ausrüstung weiterzuentwickeln und zu verbessern. Ohne deren Erkenntnisse würden wir riskieren, den Anforderungen der Realität nicht gerecht zu werden.
Wie behält LINDNERHOF in Sachen Material und Ergonomie die Nase vorn?
Wir kaufen Rohmaterialien nicht einfach nur ein, sondern arbeiten mit Materialherstellern zusammen, um die Materialien an sich zu verbessern. Diese Zusammenarbeit hat zur Entwicklung von drei speziellen Laminaten geführt, die exklusiv für uns gefertigt werden. Diese Materialien sind auf die Erfordernisse unserer professionellen Kunden zugeschnitten und unterscheiden sich stark von kommerziellen Standardoptionen.
Militär und Polizei haben ihre ganz eigenen ergonomischen Anforderungen. Ergonomie bedeutet nicht nur die Anpassung an den menschlichen Körper, sondern die Optimierung des Zusammenspiels von Träger und Ausrüstung. Zum Beispiel mag ein Schultergurt an sich nicht besonders ergonomisch wirken. Aber wenn man berücksichtigt, wie er mit dem Schaft eines Gewehres zusammenwirken muss, dann kommt wahre Ergonomie ins Spiel.
Wie passt sich LINDNERHOF an neue Missionserfordernisse und geänderte taktische Doktrinen an?
Wir haben bereits ein breites Produktsortiment, das die meisten Erfordernisse abdeckt. Aber wenn sich TTPs (Taktiken, Techniken und Vorgehensweisen) verschieben oder wenn sich militärische Konflikte entwickeln, wie wir es in der Ukraine erleben, dann entstehen neue Anforderungen. In solchen Fällen führen wir gründliche Analysen durch, einschließlich Gesprächen mit Praxisspezialistinnen und -spezialisten, und übertragen diese Erkenntnisse in neue Designs. Eine solche Innovation, die ganz und gar auf den neuesten Kampferfahrungen basiert, befindet sich derzeit in der Entwicklung. Ich kann noch keine Details verraten, aber es ist etwas, das es bisher nicht gab.
Wohin entwickelt sich die Branche in Sachen Modularität und Gewichtsoptimierung, und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Gewichtsreduktion ist ein heikles Thema, denn je mehr Gewicht man einsparen will, desto teurer wird die Entwicklung. Das ist wie beim Radsport: 100 Gramm am Rennrad einzusparen, bedeutet eine Investition in Ultra-High-End-Komponenten. Dieselbe Logik gilt auch hier. Wir müssen stets die Balance zwischen Leistung und Wirtschaftlichkeit finden.
Modularität stand jedoch schon immer im Zentrum unserer Philosophie. Sie erlaubt es dem Träger, seine Ausrüstung exakt auf seine Erfordernisse einzustellen. Wir werden auf diesem Prinzip weiter aufbauen, denn es ist das, was die Kunden verlangen – und die gesamte Branche bewegt sich in dieselbe Richtung.
Wie arbeitet LINDNERHOF mit anderen Marken der MEHLER SYSTEMS Gruppe zusammen, um Innovationen voranzutreiben?
Betrachtet man integrierte Systeme wie einen Plattenträger in Kombination mit einem Kampfgürtel, so gibt es offensichtliche Schnittstellen zu ballistischem Schutz und ballistischer Bekleidung. Innerhalb der Mehler Systems Gruppe arbeiten wir – insbesondere bei der Ballistik – eng mit den anderen Marken zusammen, um nicht nur das Schutzniveau zu verbessern, sondern auch die geschützte Körperoberfläche zu vergrößern.
Das M.U.S.T.-System ist ein Beispiel für diese Zusammenarbeit. Können Sie uns mehr dazu sagen?
Dieses System wurde als Reaktion auf reale Vorfälle entwickelt, bei denen Einsatzkräfte an Körperstellen tödlich verletzt wurden, die durch herkömmliche Platten nicht geschützt waren. Wir haben die Ursachen analysiert und Verbesserungsvorschläge gemacht. MEHLER PROTECTION entwickelte ballistische Platten zum Schutz des seitlichen Oberkörpers und der Oberschenkel, während LINDNERHOF Erkenntnisse zur Nutzbarkeit beisteuerte und die Prototypen testete. Das Ergebnis – M.U.S.T. – ist ein vollintegriertes System, das modulare Textilkomponenten mit hochentwickeltem ballistischen Schutz kombiniert. Es ist ein großartiges Beispiel dafür, was wir erreichen können, wenn wir interdisziplinär zusammenarbeiten.

Wie unterstützt interdisziplinäre Teamarbeit die Entwicklungsziele von LINDNERHOF?
Wir haben heute spezielle Gruppendirektoren, die wichtige Bereiche wie Innovation und Technologie betreuen. Sie besitzen einen umfassenden Überblick über das Geschehen in allen Unternehmen der Gruppe und helfen, Kapazitäten zu koordinieren, Roadmaps abzustimmen und sicherzustellen, dass wir das Rad nicht zweimal erfinden, sondern auf dem aufbauen, was andere bereits geleistet haben.
Welche taktischen Trends prägen die aktuelle Forschung und Entwicklung bei LINDNERHOF?
Durch den Krieg in der Ukraine haben sich viele Prioritäten verschoben. Die Streitkräfte in ganz Europa gehen von der Expeditionskriegsführung zur Heimatverteidigung über. Dadurch verändert sich alles, was am Boden gebraucht wird. Produkte, die in Afghanistan sinnvoll waren, sind nicht unbedingt das Richtige für die heutigen Anforderungen.
Gleichzeitig stehen die Polizeikräfte vor zunehmenden Herausforderungen, wie zum Beispiel Amokschützen. Deshalb entwickeln wir jetzt modulare Schutzsysteme, die speziell auf Polizisten zugeschnitten sind. Wir reagieren nicht nur, sondern antizipieren diese Bedarfe aktiv.
Wie bereitet sich LINDNERHOF auf die zukünftigen Bedarfe von Spezialeinheiten vor?
Wir glauben, dass wir schon jetzt sehr gut aufgestellt sind. Dank der engen Vernetzung mit den Einsatzkräften am Boden und unserem modularen Designkonzept sind wir für zukünftige Anforderungen bestens gerüstet, ohne dass wir uns stark verändern müssen. Wir sind genauso anpassungsfähig wie unsere Ausrüstung.
Gibt es Neuerungen, auf die Sie sich besonders freuen?
Ja, wir haben derzeit drei neue Tragelösungen in der Entwicklung. Jede von ihnen wird die Leistungsfähigkeit sowohl von Soldaten als auch von Polizisten erheblich verbessern und ihnen die Arbeit erleichtern – und das finde ich großartig.

Jakob Kolbeck ist seit April 2018 Geschäftsführer von LINDNERHOF. Mit über zwei Jahrzehnten Berufserfahrung verfügt Kolbeck über umfassende Kenntnisse im Vertrieb und Management im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich.
Bevor er zu LINDNERHOF kam, war er als Senior Manager Sales bei RUAG Ammotec GmbH und als Director Marketing & Sales bei Unique Alpine AG tätig. Seine Karriere umfasst auch wichtige Positionen im Militär, darunter Projektleitung und Einsatzplanung. Kolbeck hat einen Master of Business Administration in International Management und einen Abschluss in Staats- und Sozialwissenschaften, die seinen soliden technischen und kaufmännischen Hintergrund ergänzen.
SPARTANAT ist das Online-Magazin für Military News, Tactical Life, Gear & Reviews.
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