Agentin Wilkening und ihre Aktivitäten für den OMV-Konzern: Wie bei der Konzern-Beteiligung Petrom Dieseldiebstähle aufgeklärt werden sollten. Und warum neben einem deutschen LKA-Beamten auch eine NLP-Trainerin an Bord war. Zweiter Teil der Spurensuche von ADDENDUM im Geheimdienst-Milieu.

Diese Geschichte könnte frei erfunden sein, so absurd, wie sie klingt. Da wäre einmal eine Kommunikationswissenschaftlerin, die als Systemischer Coach und NLP-Trainerin in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen illustren Kundenstock aufgebaut hat. Ein bekannter Bauindustrieller, Bankvorstände, Politiker, sie alle vertrauten der heute 64-Jährigen Probleme an und gingen in der Dapontegasse im dritten Wiener Bezirk ein und aus. Barbara Schütze warb einst mit klassischer PR-Beratung – und mit der „unspektakulären, dialogorientierten Aufbereitung von komplexen sensiblen Themen aus Wirtschaft und Industrie“.

Das mit der Aufbereitung von komplexen sensiblen Themen stimmt. Mit Sicherheit. Doch ob die Lösungen, die Frau Schütze mit ihren Kompagnons anbot, tatsächlich so unspektakulär waren, wie sie angab, darf bezweifelt werden. In dieser Geschichte sollen nämlich auch noch die deutsche Agentin Christina Wilkening und der deutsche LKA-Beamte Heinz-Peter Hahndorf eine Rolle spielen, weil sie in Rumänien auf der Lauer lagen. Wilkening sagte später vor Gericht, sie sei im Sumpf gelegen und habe Öl-Diebstähle aufgespürt und abgestellt. Für den OMV-Konzern und seinen mittlerweile zum Generaldirektor-Stellvertreter aufgestiegenen Johann Pleininger.

Die OMV geht uns alle an

Die OMV, der internationale Erdöl- und Erdgaskonzern mit Hauptsitz Wien, gehört zu 31,5 Prozent der ÖBIB. In dieser Gesellschaft sind wichtige Firmenbeteiligungen des Staates gebündelt. Daher darf konstatiert werden, dass die OMV zu fast einem Drittel dem österreichischen Steuerzahler gehört. Insofern kann auch hinterfragt werden, welche Geschäfte das Unternehmen macht, ob diese wirtschaftlich, aber auch ethisch-moralisch vertretbar sind.

Derlei Fragen drängen sich auf, wenn man sich eingehend mit Vorkommnissen auseinandersetzt, die ihren Ursprung vor mehr als zehn Jahren in Rumänien haben. Damals tat sich in der OMV-Tochter Petrom ein veritables Sicherheitsproblem auf. Man hatte mit immensen Rohstoffdiebstählen zu kämpfen. In rauen Mengen kamen Treibstoffe, aber auch Bitumen abhanden. Laut Addendum-Recherchen lag der Schwund bei 20 Prozent, im Wilkening-Prozess vor dem Landgericht im deutschen Schwerin war von 10 bis 15 Prozent die Rede.

Dass ein Konzern eine Lösung für ein Problem dieser Größenordnung finden sollte, liegt auf der Hand. Wie die Petrom bzw. die OMV an die Sache herangegangen ist, mutet aber äußerst seltsam an. Und da betreten die eingangs erwähnte Beraterin für unspektakuläre Lösungen, die Privatagentin Christina Wilkening und eine Wiener Anwaltskanzlei die Bühne.

Der Anwalt als Treuhänder

David Kubes ist ein Anwalt und nebenher ein umtriebiger Mann. Unterhält Büros in Wien und Havanna, macht Geschäfte in der Flugzeug-Finanzierung und ist bei der Esoterik-Bewegung Access-Consciousness („Zugang zum Bewusstsein“) aktiv, erklärt also Menschen, wie man reich, erfolgreich und – angeblich – jung wird.

David Kubes und sein Partner Passeyrer unterhalten eine langjährige Geschäftsbeziehung zur PR-Beraterin Barbara Schütze. Und treten mitunter nach außen auch in der Verrechnung angeblich „unspektakulärer“ Lösungen auf. So auch in der finanziellen Abwicklung der Sicherheitsdienstleistungen für die OMV.

Interessanterweise hat nämlich die im Coaching tätige Schütze intensiv an der Bereinigung der Diesel-Diebstähle durch die Privatagentin Christina Wilkening bei der rumänischen OMV-Tochter Petrom mitgewirkt. Schütze dirigiert, erstellt Budgets, gibt diese frei und hält offenkundig die finanziellen Fäden in der Hand.
Mail an die „liebe Nina“

In einer Mail von Frau Schütze an die „liebe Nina“, so der Stasi-Codename von Christina Wilkening, heißt es am 26. September 2009 unter anderem: „Die GF Dr. Kubes und Mag. Passeyrer sind und waren immer schon Treuhänder der ENP (eine Abrechnungs-Firma, Anm.), um M. (Name der Redaktion bekannt, Anm.) invisible zu halten.“ Weiter heißt es: „Sie haben immer den Kontakt zur OMV gehalten und dort die Rechnungen gelegt.“ In derselben Mail schreibt Barbara Schütze auch, das Geld werde von einem Geschäftspartner in dessen eigene Firma umgeleitet und „verschleiert“ verteilt. Oder auch: „Ansonsten braucht es eine weitere Abstimmung mit mir!“

Wenn stimmt, was in dieser Mail steht, dann haben eine Kommunikationsberaterin, zwei Anwälte, eine Agentin und deren Handlanger ein durchaus aufwendiges Konstrukt errichtet, um an lukrative Aufträge von der OMV zu kommen. Ein Konzern dieser Größenordnung kann das Geld nicht einfach freihändig verteilen, sondern benötigt dafür Leistungsnachweise und unterliegt aktienrechtlichen Compliance-Pflichten und Richtlinien. Da erscheint die interne Optik jedenfalls besser, wenn Rechnungen von honorigen Wiener Anwälten gestellt werden.

Auftragnehmer à la „Nina“ sollen in der Buchhaltung eher nicht aufscheinen. Was tatsächlich dahintersteht, wissen vielleicht nur einzelne Eingeweihte. Fest steht jedenfalls: Eine transparente Kontrolle, was die Verwendung der Mittel angeht, ist damit deutlich erschwert.

Verteilung. Und Verschleierung

In den Addendum vorliegenden Mails zum Rumänien-Projekt „Scout” ist von der Verrechnung der Gelder die Rede, konkret auch von einer „Verschleierung“ bei der Verteilung.
Was hat eine Kommunikationsberaterin aus Wien, die im Top-Executive-Coaching tätig ist, mit Sicherheitskonzepten für die OMV in Rumänien und einer geheimnisvollen Spionin zu tun, die vom OMV-Konzern für zweifelhafte Dienste hunderttausende Euro kassieren sollte? Warum gründet eine systemische Coaching-Expertin in weiterer Folge eine Sicherheitsfirma in Rumänien? Warum so kompliziert, warum so verdeckt?

Top-Executive-Coach ist wenig auskunftsfreudig

Tatsache ist, dass im Jahr 2011 eine Firma namens Delta Security Consulting S.R.L. in das rumänische Firmenbuch eingetragen wird. Als geschäftsführender Gründungsgesellschafter taucht wieder Anwalt David Kubes auf, im Februar 2012 übernimmt Schütze 66,6 Prozent, 33,3 Prozent verbleiben bei Kubes. Das Unternehmen hat erst den Geschäftszweck „Public Relations und Management Consulting“, später wird dieser dann auf „Personalschutz bzw. Schutzsysteme geändert“. 2013 verbucht die Firma einen Umsatz von – umgerechnet – einer Million Euro. 2014 wird die Delta Security liquidiert.

Frau Schütze ist zu alldem nicht sehr auskunftsfreudig. Sie teilt lediglich mit, dass der Kontakt zu Frau Wilkening vor ungefähr fünf Jahren abgebrochen sei. Und bittet um Verständnis, „dass ich mich gegenüber Kunden mit Unterschrift zur Vertraulichkeit verpflichtete – dies als notwendige Grundlage meiner Arbeit seit nunmehr 20 Jahren im Top-Executive-Coaching, als Sachverständige oder Projektmoderatorin“.

Wo war die Leistung?

Christina Wilkening, die Nachrichtenhändlerin aus Berlin, sitzt mittlerweile im Gefängnis. Sie hat eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten zu verbüßen, weil sie den deutschen Polizisten Heinz-Peter Hahndorf illegal für ihre speziellen Projekte eingesetzt hat, um an Informationen zu kommen. Der Kripo-Beamte hat von Christina Wilkening laut Anklageschrift an die 300.000 Euro erhalten und nicht versteuert. Ein Großteil der Gage floss demnach für Dienste in Sachen Petrom/OMV.

„Darauf wäre ich als Vorstand von allein gekommen“

Hahndorfs Empfehlungen waren auch nicht gerade bahnbrechender Natur. So schlug er etwa vor, in den Raffinerien in Rumänien Security-Mitarbeiter – in Uniform und zivil – einzusetzen und Überwachungstechnik, also beispielsweise Videokameras, zu installieren. Das veranlasste den Richter in Schwerin zur süffisanten Bemerkung: „Darauf wäre ich als Öl-Vorstand von allein gekommen.“ Der angeklagte Beamte versuchte erst gar nicht, diese Feststellung zu entkräften: „Das habe ich mir auch gesagt, aber das war so.“

An dieser Stelle muss eingeräumt werden, dass der Kriminalist Hahndorf noch mehr Aufträge erhalten hat. Er tippte Personennamen in den Polizeicomputer, die ihm und seinen Mitstreiterinnen offenbar als verdächtig erschienen, und sollte überdies ein persönliches Sicherheitskonzept für den damaligen Petrom-Vorstand aus Österreich, Johann Pleininger, konzipieren. Der Manager aus dem Weinviertel sei „von der Mafia bedroht“ worden, berichtete Heinz-Peter Hahndorf im Schweriner Prozess.

Auftraggeber für das Sicherheitskonzept

Wer hat das „persönliche Sicherheitskonzept“ angeordnet? „Vermutlich die OMV“, antwortet der Polizist, er habe den Auftrag aber von Christina Wilkening bekommen. Die Österreicher seien da eben „lockerer“. Der Staatsanwalt entgegnet: „Lockerer ja, aber nicht blöd, wenn es um viel Geld geht.“ Hahndorf repliziert: „Pleininger ist ein Fachidiot, wenn es nicht um Ölförderung geht, weltfremd.“

Was Johann Pleininger, während des Projekts „Scout“ zuständiger Petrom-Vorstand, zu all dem sagt und wer tatsächlich den Auftrag für das „persönliche Sicherheitskonzept“ für den heute 56-jährigen Manager erteilt hat, bleibt offen. Pleininger reagierte auf Anfragen in den letzten Wochen nicht, die OMV teilte lapidar mit, sie veröffentliche aus grundsätzlichen Erwägungen keine Details über die Abwicklung von Projekten, insbesondere dann nicht, wenn Sicherheitsangelegenheiten betroffen sind.

Der zuständige OMV-Manager

Tatsache ist, dass Johann Pleiningers Aufstieg in die höchste Managementebene des OMV-Konzerns in Rumänien seinen Anfang nahm. Er kam, sah und sorgte bei der Petrom dafür, dass der Diesel der OMV-Tochter in die richtigen Rohre geleitet wurde. Offenbar unterstützt von den Damen Wilkening und Schütze. Abgerechnet über zwei Wiener Anwälte.

Interessant ist, dass in den internen E-Mails zum Projekt „Scout“ eine Person namens „Otto“ eine zentrale Rolle spielt. Unter anderem heißt es: „CW (Christina Wilkening, Anm.) übernimmt wie mit Otto besprochen den Transport/Verrechnung für die Kollegen in RO (Rumänien, Anm.), D und Ö (siehe Kosten).“ Weiters war das Zustandekommen eines Besprechungstermins davon abhängig, ob Otto dabei sein kann.

Wer ist „Otto“? Und wie kann es sein, dass er im Pleininger-Projekt so viel zu sagen hatte? Addendum-Recherchen haben starke Hinweise darauf ergeben, dass es sich bei „Otto“ tatsächlich um Pleininger selbst handeln soll. Er dürfte das Projekt „Scout“ – praktisch auf Vorstandsebene – betreut haben. Aus irgendeinem Grund scheint man aber bemüht gewesen zu sein, dass sein echter Name in der internen Kommunikation nicht auftaucht. Addendum hat bei der OMV und bei Pleininger nachgefragt, ob er tatsächlich der bewusste „Otto“ sei. Dies wurde bis Redaktionsschluss nicht bestritten.

Addendum Artikelserie SPIONAGE: 

Die Einleitung auf SPARTANAT: Eine Geheimagentin im Sold der Konzerne und ihre Spur ins BVT

Teil 1: Die Österreich-Connection der Nachrichtenhändlerin

Teil 2: Sie lagen im Rumänien im Sumpf

Teil 3: Wie das System „Nina“ aufflog

More to come …

Dieser Artikel wurde zuerst auf ADDENDUM veröffentlicht. 

ADDENDUM im Internet: www.addendum.org