Geschichte wird immer von irgendwem erzählt. Meist von Historikern, manchmal auch von Menschen, die selbst dabei waren. Vielfach werden von Menschen einfach nur Geschichten erzählt – hier kommen wieder Autoren ins Spiel, die sie letztendlich als Geschichte schreiben. Ulrich Wegener war ein Mann, der viel zu erzählen hatte. Ulrike Zander und Harald Biedermann haben vor dem Tod des Gründers der GSG 9  – HIER auf SPARTANAT der Nachruf auf Ulrich Wegener – die Gelegenheit gehabt, mit ihm lange Interviews zu führen. Daraus ist dieses Buch entstanden. Oral History kann ihren Vor- und ihren Nachteil haben. Der Vorteil ist die ungebrochene Rede, die direkte Erzählung.

Ulrich Wegener spricht – knapp vor seinem Tod erzählt er von seinem Leben, der Jugend im Dritten Reich und den frühen Erwachsenentagen im Osten, über seine Erfahrung im Gefängnis der DDR, vom Weg in den Dienst beim Bundesgrenzschutz. Spannend, wie stark ein traditionelles deutsches Offiziersethos diesen selbständig denkenden Mann prägte, nicht minder spannend zu sehen, wie ein lebendiger und lebhafter Soldat an der richtigen Stelle steht und als Reaktion auf den Müncher Terror die GSG9 gegründet wird, die sich letztendlich in Mogadischu als das richtige Instrument erweist. Das Herausragende am Charakter Wegener: er hat eine Truppe begründet und bis zuletzt geprägt, wie man auch an Interviews mit den Nachfolgekommandeuren sieht. Wer übrigens die aktuelle GSG 9 im Bild sehen will – HIER unsere Empfehlung.

Die Passagen über Mogadischu sind die stärksten im Buch, auch weil die Erzählungen dazu wohl durch vielfaches Erzählen am stärksten kanonisiert sind. Die Autoren haben sich dann ergänzend die Mühe gemacht, Menschen aus dem Umfeld Wegeners zu interviewen. Die Interviews mit Politikern (u.a. Genscher, Schmidt) geben prinzipiell gar nichts her. Die mit GSG 9 Kameraden gewähren einen interessanten Einblick in die Entstehung der Truppe. Extrem spannend sind jene Interviews mit israelischen Antiterrorexperten, die eigentlich einen direkten Einfluss auf die Entstehung der deutschen Antiterrortruppe gehabt haben, bei dem uns vorher nicht klar war, dass der so hoch war.

Das Interviewbuch mit Ulrich Wegener ist so ein fester Gemischtwarenladen. Der Nachteil ist, dass die Autoren erzählen lassen. Und dass sie selbst darauf verzichten, die Erzählung der Geschichte zu übernehmen, kritisch nachzufragen, zu ergänzen, Fakten auf den Tisch zu bringen, zu bewerten (dass sie es an sich gut können, zeigen die pointierten Kapiteleinleitungen) und auch ein zu wenig taktisch-handwerklicher Zugang, aber der ist nicht jedem gegeben. So ist trotzdem ein spannendes Buch entstanden, das aber für den kritischen Leser auch viele Fragen offen lässt. Man liest „GSG 9 – Stärker als der Terror“ mit Gewinn, die wirkliche Biographie der Gründervaters der deutschen Antiterroreinheit ist allerdings leider noch nicht geschrieben.

GSG 9 – Stärker als der Terror“ ein Interviewbuch mit Ulrich Wegener, kompiliert von Ulrike Zander und Harald Biedermann, LIT Verlag 2017, 308 Seiten, Euro 34,80