Die Struktur des TCCC/TEMS gliedert sich in drei taktische Phasen bzw. Zonen. Jede dieser Phasen definiert sich durch ihre Örtlichkeit und das dort gezeigte Störerverhalten sowie die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die vordefinierte Phase bestimmt auch die in ihr zu treffenden Maßnahmen.

Wir unterscheiden zwischen

Roter / Heißer Zone – Care Under Fire (CUF),

Gelber / Warmer Zone – Tactical Field Care (TFC) und

Grüner / Kalter Zone – Tactical Evacuation Care.

 

 

Rote / Heiße Zone – Care Under Fire (CUF)

Sofortmaßnahmen am Anschlagsort unter Beschuss

 

Vom bewaffneten Gegenüber geht eine gegenwärtige Gefahr für Leib oder Leben aller vor Ort Befindlichen aus. Das schließt bereits verwundete Personen, potentielle Retter sowie auch Unbeteiligte ein. In der roten Zone hat grundsätzlich kein unbewaffnetes Rettungsdienstpersonal etwas zu suchen. Eine Ausnahme wäre natürlich die zufällige Anwesenheit während eines Anschlags oder der gezielte Angriff auf notfallmedizinische Infrastruktur, wie Krankenhäuser oder RTW-/NEF-Besatzungen.

Oberstes Ziel für Ersthelfer in der roten Zone ist die schnellstmögliche Abwendung der gegenwärtigen Gefahr. Dieses Ziel kann dadurch erreicht werden, dass der bewaffnete Gegner handlungsunfähig gemacht wird. Sprich: er wird getötet oder so schwer verwundet, dass er sein Tun nicht mehr fortsetzen kann. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich der Täter aufgrund der Gegenwehr vom Anschlagsort absetzt. Abhängig vom Szenario wäre es auch denkbar, dass die Polizeikräfte zwar anfänglich nicht in der Lage sind, die Gegner auszuschalten oder zu verdrängen. Aber sie könnten eine Evakuierung von Verwundeten aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich dadurch unterstützen, dass sie sogenanntes Deckungsfeuer schießen. Dieses soll den Gegner niederhalten und Evakuierungskräften ermöglichen, sich an Verwundete anzunähern und diese zur weiteren Behandlung in eine geeignete Deckung zu transportieren.

All das erfordert von den Ersthelfern ein koordiniertes Vorgehen. Sie müssen also das Feuer erwidern und gleichzeitig kommunizieren.

 

Mit der Einsatzleitstelle o.ä.:

Notruf absetzen. Wo befinde ich mich? Wie stellt sich die Situation dar? Verstärkungs- und Rettungskräfte anfordern.

 

Mit der eigenen taktischen Einheit:

Ein angeschossener Kollege vorn links an der Hausecke. Täter mit Langwaffe, verschanzt hinter Mauer auf 2 Uhr (sprich: vom eigenen Standort aus gesehen vorne rechts). Gib mir Deckung, ich hole den Verwundeten.

 

Mit dem Verwundeten:

Krieche hinter die Hausecke! Wie bist Du verletzt? Benutze Dein Tourniquet! Es befindet sich in Deiner linken Beintasche! Wir holen Dich, sobald wir können!

 

In der roten Zone, der Care Under Fire-Phase, hat die Ausschaltung der Täter oberste Priorität, solange diese weiter ungehindert auf Personen am Anschlagsort einwirken können. So viele Einsatzkräfte wie möglich müssen den Feuerkampf führen, so wenige wie nötig sich den Verwundeten annähern. Medizinische Maßnahmen beschränken sich auf das Überlebensnotwendigste. Nach Möglichkeit bringt sich der Verwundete selbst in eine Deckung und versorgt im ersten Angriff seine Verletzungen. Frei nach der Devise: Wenn sich jeder selber hilft, ist jedem geholfen. Das Stoppen lebensbedrohlicher, massiver Extremitätenblutungen durch Abbinden mittels Tourniquet ist, wenn überhaupt(!), die einzige durchführbare notfallmedizinische Handlung in der roten Zone. Und wie oben angemerkt, möglichst durch den Verwundeten selbst. Handelt es sich bei den Anschlagsopfern nicht um geschulte Waffenträger, sondern um unbedarfte Bürger, so dürfte die Selbstversorgung in der Regel allerdings ausscheiden.Essentiell ist es für den/die Ersthelfer, die Zeit des Verbleibens am unmittelbaren Anschlagsort so kurz wie möglich zu halten. Der oberste Grundsatz lautet hier: Belaste nicht Dein Team, indem Du selbst zum Opfer wirst! Bedeutet dies, dass eine Annäherung an den Verwundeten nur unter massiver Eigengefährdung durchgeführt werden könnte, so ist auf diese vorerst zu verzichten! Auch ist bei mehreren Verletzen, möglichst schon vor oder spätestens während der Annäherung an diese, eine Priorisierung vorzunehmen. Schwerstverwundete, deren Verletzungen augenscheinlich nicht unter die vermeidbaren Todesursachen fallen, werden unter den gegebenen Umständen eines laufenden Feuergefechts zugunsten behandelbarer Opfer ignoriert. Auf den Begriff Triage wird an dieser Stelle bewusst verzichtet, da die Auswahl der zu behandelnden Patienten zu diesem Zeitpunkt nur sehr grob sein kann und vornehmlich schon auf Distanz erfolgt (remote assessment). Denkbar ist hier auch, dass der den Rettern nächstgelegene Verwundete priorisiert wird, da hier die Zeit am geringsten ist, in der sich Einsatzkräfte möglichem Feindfeuer ungedeckt aussetzen müssen. Jeder überflüssige Moment der ungeschützten Exponiertheit im Einwirkungsbereich des bewaffneten Gegners erhöht die Gefahr, dass Retter selbst zu Opfern werden. Sobald dieses geschieht, wird die Zahl der potentiell zu bergenden Verwundeten erhöht und gleichzeitig die Zahl der zur Verfügung stehenden taktischen Einsatzkräfte reduziert, die eine solche Bergung vornehmen könnten. Das gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Auch wenn das bedeutet, eventuell dabei hilflos zusehen zu müssen, wie ein Mensch verblutet, der unter anderen Umständen problemlos zu retten gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund ist es auch denkbar, dass ein Bergungsversuch während der Annäherung an den Verwundeten oder sogar nach Erreichen desselben wieder abgebrochen werden muss und der Verletzte seinem Schicksal überlassen wird, weil der Feinddruck plötzlich zu groß wird und dadurch das Risiko für die Bergungskräfte unverhältnismäßig steigt.

Wie bereits oben erwähnt, beschränken sich die notfallmedizinischen Maßnahmen in der roten Zone/CUF auf das Abbinden lebensbedrohender Blutungen der Extremitäten mittels taktischen Tourniquets. Je nach angewandtem Algorithmus findet also ausschließlich „M“ (Massive Bleeding) bzw. das vorangestellte „C“ (Critical Bleeding) Anwendung. Die Anbringung des Tourniquets soll so dicht wie möglich am Körperstamm erfolgen, um die gesamte Extremität vom Blutfluss abzuschneiden. Dadurch wird kostbare Zeit gespart und gewährleistet, dass mögliche weitere, bisher nicht entdeckte starkblutende Verletzungen derselben Extremität ebenfalls unter Kontrolle gebracht und die am Anschlagsort sehr beschränkt verfügbaren medizinischen Ressourcen möglichst ökonomisch genutzt werden. Aufgrund der extremen Gefährdung für Verwundeten und Retter, verbietet sich die alternative Anbringung eines Druckverbandes aus taktischen Erwägungen. Diese Maßnahme wäre erheblich zeitaufwändiger und würde Verletzten und Ersthelfer unverhältnismäßig lange dem Täterfeuer aussetzen. Weiterhin stände zu befürchten, dass sich ein Druckverband im Rahmen weiterer Rückzugs- und Evakuierungsmaßnahmen lockern und es dadurch erneut zu massivem Blutverlust kommen würde.

Obwohl sich die Anwendung des Tourniquets seitens des Ersthelfers unmittelbar am ungeschützten Anschlagsort grundsätzlich verbietet, sind gewisse Umstände denkbar, die diese Maßnahme zulassen könnten. Etwa, wenn der Verwundete durch seine Lage kurzfristig dem Blick des Täters entzogen wäre, zum Beispiel durch eine Vertiefung im Boden oder hinter einer Hecke. Ferner könnte in bestimmten Einsatzsituationen die Möglichkeit bestehen, den Ersthelfer durch von Sicherungskräften mitgeführte ballistische Schilde oder Schutzdecken kurzfristig gegen feindlichen Beschuss abzuschirmen. So könnte ihm die notwendige Zeit verschafft werden, direkt am Auffindeort des Verwundeten dessen Extremitätenblutungen zum Stillstand zu bringen. Die Verlagerung des Verletzten in eine ballistische Deckung würde sich dann unmittelbar an diese medizinische Erstmaßnahme anschließen.

Der Leser ahnt spätestens jetzt, dass sich die Philosophie der taktischen Medizin nur sehr bedingt mit der klassischen Ersten Hilfe bzw. dem Vorgehen im zivilen Rettungsdienst vergleichen lässt.

 

 

Gelbe/Warme Zone – Tactical Field Care (TFC)

Behandlung in unmittelbarer Nähe des Anschlagsortes, ohne Beschuss, in der (ersten) Deckung

 

Sobald der Verwundete vom Auffindeort in den Schutz einer ersten Deckung verbracht worden ist, in dem er und der/die Ersthelfer nicht mehr direktem gegnerischen Beschuss ausgesetzt sind, kann eine eingehendere Untersuchung des Verletzten vorgenommen werden. Ausreichende ballistische Deckung ist hier natürlich einem bloßen Sichtschutz vorzuziehen.

Aber was ist eine ausreichende ballistische Deckung? Laienhaft gesprochen verstehen wir darunter einen baulichen oder natürlichen Schutz, der vom Gegner verwendete Geschosse zuverlässig aufhält, uns also vor direktem Beschuss schützt. Was allerdings zuverlässig Geschosse aufhält, ist von mehreren Faktoren abhängig, als da wären:

 

  • Art der vom Gegner verwendeten Waffen

Kurzwaffen, Langwaffen, Maschinenwaffen, panzerbrechende Waffen, Sprengmittel

  • Art der vom Gegner verwendeten Munition

Kaliber, Ladung, Geschossform etc.

 

Um den Beschuss aus einer kleinkalibrigen Faustfeuerwaffe aufzuhalten, mag eventuell schon die Fahrer- bzw. Beifahrertür des RTW ausreichen. Schließlich sind moderne Fahrzeugtüren mit diversen metallenen Gadgets bestückt, als da zum Beispiel wären: Motoren für elektrische Fensterheber, Seitenspiegelverstellung, Zentralverriegelung. Diese können im günstigsten Fall kleine Geschosse leichter Kaliber aufhalten. Gegen eine von einer schultergestützten Panzerabwehrwaffe, einer RPG (Rocket Propelled Grenade) abgefeuerte Granate hingegen stellt auch eine solide Mauer in der Regel keinen ausreichenden Schutz dar. Und zwischen Kleinkaliberpistole und einer sog. Panzerfaust (dem oft als Synonym für den gesamten Waffentypus benutzten Begriff) ist eine ganze Bandbreite verschiedenster Waffen-Munition-Kombinationen angesiedelt. Aufgrund von Verbreitung und problemloser Verfügbarkeit muss zukünftig auch in Deutschland mit dem vermehrten Einsatz von Sturmgewehren auf Basis der sowjetisch-russischen Kalaschnikow-Plattform seitens terroristischer Gewalttäter gerechnet werden. Diese Waffen sind zuverlässig, billig und vor allem massenhaft verfügbar. Vorsichtige Schätzungen gehen von weltweit 100 Millionen Exemplaren der zahlreichen Varianten des Awtomat Kalaschnikowa, im allgemeinen Sprachgebrauch kurz: AK, aus. Vor allem sind sie aber eines: der Bewaffnung deutscher Polizeibeamter hoffnungslos überlegen. Wenn man von den wenigen besser ausgestatteten Spezialeinsatzkräften einmal absieht.

Zurück zum Thema „Deckung“, gilt grundsätzlich, je dicker und solider die Deckung, desto größer der Schutz, den sie bietet. Mit anderen Worten: Viel hilft viel! Aber auch die Problematik der Sekundärgeschosse ist nicht zu vernachlässigen. Abhängig von Stärke und Beschaffenheit der Deckung kann es durchaus sein, dass sie das abgefeuerte Geschoss zwar aufhält, aber die vom Projektil abgegebene Energie Bestandteile der Deckung auf der vermeintlich sicheren Seite als Sekundärgeschosse hinaus beschleunigt. So sind wir zwar vielleicht vor der unmittelbaren Wirkung des aus der Waffe verschossenen Projektils geschützt, werden aber eventuell stattdessen von freigesetzten Beton-, Stein-, Glas- oder Holzpartikeln getroffen und verletzt.

Auch sollte jede Deckung nur als kurzfristiger Schutz betrachtet werden. Kurzfristig deshalb, weil ständig damit gerechnet werden muss, dass der Gegner von direktem zu indirektem Beschuss übergeht, sprich: er zum Beispiel Handgranaten einsetzt, die er über die Deckung hinweg wirft und deren Schutzfunktion dadurch aufgehoben wird. Oder der Gegner umgeht die Deckung und greift aus einer anderen Richtung an. Oder der Täter verlagert seinen Standort vertikal nach oben und schießt über die Deckung hinweg. Oder weitere Gegner tauchen plötzlich in unserem Rücken hinter der Deckung auf. Oder, oder…

Wir haben also ständig damit zu rechnen, unsere Deckung aufgeben zu müssen, um uns mit dem Verwundeten abzusetzen und eine neue, temporär geeignetere Deckung aufzusuchen.

Abhängig von Art, Größe und Beschaffenheit der Deckung sowie der vom Täter ausgehenden tatsächlichen Bedrohung, kann der Ersthelfer dazu gezwungen sein, die Untersuchung des Verwundeten unter extrem erschwerten Bedingungen durchführen zu müssen. Stellen Sie sich zum Beispiel eine 80 Zentimeter hohe Gartenmauer als einzigen baulichen Schutz zwischen sich und einem um sich schießenden Amokläufer vor. Sie werden versuchen möglichst flach auf den Boden gedrückt, möglichst eng an die Mauer gepresst zu liegen. Nun stellen Sie sich weiter vor, bei ihnen befindet sich ein Verwundeter, den es zu versorgen gilt. Um sich nicht selbst dem gegnerischen Feuer aussetzen zu müssen, werden sie gezwungen sein, sämtliche Erstmaßnahmen neben dem Verletzten liegend vorzunehmen. Das kann im Extremfall sogar so weit gehen, dass der Ersthelfer in letzter Konsequenz den Körper des Verwundeten als Deckung ausnutzt, um nicht selbst getroffen zu werden. Sie werden vermutlich empört ausrufen, ein solches Verhalten sei unethisch und unmoralisch. Glauben Sie mir, wenn um Sie herum Projektile einschlagen und Sprengkörper detonieren, bleiben für Ethik und Moral nicht mehr viel Platz. Diese Szenarien sind durchaus Bestandteil der Ausbildung von taktischen Ersthelfern.

Aber zurück zur Abarbeitung des Algorithmus in der gelben Zone: Sobald der Verwundete aus dem unmittelbaren Einwirkungsbereich des bewaffneten Gegenübers in eine Deckung verbracht worden ist, überprüft der Ersthelfer zunächst den korrekten Sitz eines eventuell bereits angelegten Tourniquets. Sollte eine vorher zum Stillstand gekommene lebensbedrohliche Extremitätenblutung aufgrund des Transportes wieder akut sein, so legt der Ersthelfer ein zweites Tourniquet unmittelbar über oder unter der ersten Abbindung an. Sodann werden bei Bedarf weitere massive Blutungen der Extremitäten mittels Tourniquet versorgt (=„M“ bzw. „C“).

Daran schließt sich die Kontrolle der Atemwege an – in beiden Algorithmen durch das „A“ gekennzeichnet. Sollte der Verwundete mittlerweile das Bewusstsein verloren haben, setzt der Ersthelfer zwingend einen Wendl-Tubus ein. Eine permanente Seitenlagerung in der Deckung wird sich nicht ständig gewährleisten lassen. Außerdem dient die Deckung, wie oben bereits ausgeführt, lediglich der temporären Zwischenlagerung des Verwundeten. Bei nächster Gelegenheit wird der Ersthelfer versuchen, sich mit dem Verletzten weiter aus dem Einwirkungsbereich des bewaffneten Gegners abzusetzen. Für einen solchen Transport stellt die Verwendung des Wendl-Tubus zwar eine nur rudimentäre, aber auch die einzig praktikable Möglichkeit der Atemwegssicherung dar. Vor dem Hintergrund der großen Unwägbarkeiten, die einem Rückzugsgefecht unter Mitführung von Verwundeten zwangsläufig immanent sind, ist zu überlegen, prophylaktisch jeden Verletzten mit einem Wendl-Tubus zu versorgen, da sich sein Bewusstseinszustand jederzeit negativ entwickeln kann und eine durchgehende Überwachung des Patienten durch den Ersthelfer nicht zu garantieren ist. Dessen Hauptaugenmerk wird weiterhin auf der Beobachtung möglicher Täterbewegungen und der Weiterführung des Feuerkampfes liegen.

Der Vollständigkeit halber sollte noch erwähnt werden, dass nicht wenige, vor allem militärisch ausgebildete Ersthelfer in der Lage sind, im Bedarfsfall auch eine Koniotomie unter Gefechtsbedingungen vorzunehmen. Trainingsmöglichkeiten, auch am lebenden Objekt, stehen hierfür durchaus zur Verfügung.

Sind die Atemwege frei und rudimentär gesichert, überprüft der Ersthelfer die Atmung („R“ bzw. „B“, abhängig vom angewendeten Algorithmus) des Verwundeten sowie die Unversehrtheit des Thorax, wenn es die Gesamtumstände innerhalb der Deckung zulassen. Dazu streicht der Helfer mit der Hand den gesamten Oberkörper des Verletzten ab. Eine reine visuelle Inaugenscheinnahme ist aufgrund der Gesamtumstände am Anschlagsort nicht zielführend. Die Ablenkung aufgrund der hochkomplexen Eindrücke, die ein anhaltendes Feuergefecht auf die Einsatzkräfte hat, eine mögliche Einschränkung der Sicht durch Dunkelheit, diffuse Lichtverhältnisse und/oder Rauchentwicklung aufgrund umsetzender Sprengmittel sowie Umwelteinflüsse wie Schmutz und Feuchtigkeit machen es für den Ersthelfer notwendig, auch haptisch den Thorax des Verwundeten zu untersuchen.

 

Fotos 13 & 14:   Die Verwundetenversorgung unter erschwerten Bedingungen wird hier unter Verwendung von ABC-Schutzmasken mit verklebten Sichtfenstern geübt.

 

In diesem Zusammenhang wird den Ersthelfern während der Ausbildung die Signifikanz der Regel „Check the Back“ verdeutlicht. Diese besagt, dass bei der Feststellung von Schussverletzungen im Torso immer auch nach Ausschusswunden gesucht werden muss. Bei der Verwendung kleiner, wenig potenter Kaliber, z.B. aus Faustfeuerwaffen, muss es nicht zwingend auch zu Ausschüssen kommen. Häufig tritt das Geschoss in den Körper ein und baut seine gesamte Energie in diesem ab, ohne wieder an anderer Stelle auszutreten. Bei aus großkalibrigen Langwaffen abgefeuerten Projektilen kommt es dagegen regelmäßig zu Durchschüssen und somit zu Austrittswunden. Ein Projektil kann mitunter auch mehrere Austrittswunden verursachen, beispielsweise nachdem es sich im Körper aufgrund von Knochentreffern in mehrere Bestandteile zerlegt hat.

Sollte der Helfer nun äußere Verletzungen des Torsos durch Projektile oder Splitter feststellen, so gilt im TCCC die Regel, dass alle offenen Wunden zwischen Schlüsselbein und Bauchnabel zu verschließen sind, um der Entstehung eines Pneumothorax vorzubeugen. Dazu werden Ventilpflaster benutzt oder der Ersthelfer improvisiert durch die Verwendung anderen mitgeführten Materials. Denkbar wäre etwa das Verschließen von Schussverletzungen mittels über der Wunde fixierter Scheckkarte, Plastiksichtfenster der Brieftasche, Verpackungsmaterial mitgeführter Snacks etc. Hier ist die Kreativität des Helfers entscheidend.

Handelt es sich bei dem Verwundeten um einen im Dienst befindlichen Polizeibeamten, so wird dieser mit großer Wahrscheinlichkeit eine ballistische Schutzweste tragen. Um die Gefahr weiterer Verletzungen zu minimieren, wird der Ersthelfer nur jeweils den unmittelbar zu untersuchenden Bereich des Torsos unter der Schutzweste entblößen. Nach der Versorgung möglicher Thoraxverletzungen wird die Schutzweste des Verwundeten wieder bestimmungsgemäß geschlossen, um einen jederzeitigen, möglichst sicheren Weitertransport zu gewährleisten.

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass viele Ersthelfer, vor allem wenn sie über einen militärischen oder spezialpolizeilichen Hintergrund verfügen, auch in der Lage sind, bei Bedarf eine Entlastungspunktion des Thorax vorzunehmen.

Neben der Versorgung lebensbedrohlicher Blutungen beschränken sich die medizinischen Erstmaßnahmen in der gelben/warmen Zone, in der Tactical Field Care-Phase, auf die Sicherung des Atemweges sowie die notwendige Versorgung zur Vermeidung eines Spannungspneu, wenn es die herrschende Bedrohungssituation zulässt.

 

 

Grüne / Kalte Zone – Tactical Evacuation Care

Verwundetenversorgung bis zur Übergabe an zivile Rettungskräfte

 

Sind die Angreifer ausgeschaltet oder die Lage ist anderweitig unter Kontrolle gebracht worden, oder haben sich Ersthelfer und Verwundete soweit aus dem Anschlagsgebiet entfernt, dass ihnen keine weitere unmittelbare Gefahr mehr droht, können alle weiteren notwendigen Untersuchungen vorgenommen werden. Diese richten sich natürlich nach dem Ausbildungsstand der Ersthelfer und den zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Ausgebildete taktische Ersthelfer werden im Einsatz in der Regel eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Erste-Hilfe-Ausrüstung mitführen. Aufgrund des relativ umfänglichen taktischen Equipments, das die Einsatzkräfte ohnehin schon mitführen müssen, wird diese regelmäßig auf das Nötigste beschränkt sein. Wir sprechen hier von einem sogenannten IFAK (Individual First Aid Kit). Wie der Name schon suggeriert, stellt der taktische Ersthelfer dieses individuell nach seinen Bedürfnissen zusammen. Jedoch sind einige essentielle Komponenten in nahezu jedem IFAK zu finden: taktisches Tourniquet, Ventilpflaster, Wendl-Tubus, Notverband, Rettungsdecke. Die jeweilige Anzahl der Materialien variiert dabei, abhängig wieder vom Ausbildungsstand, taktischem Auftrag und persönlichen Präferenzen.

Viele operative Einheiten halten zusätzlich in ihren Reihen sogenannte Medics als taktische Komponente vor. Diese sollen in erster Linie die Versorgung eigener Kräfte im Bedarfsfall sicherstellen. Der Begriff „Medic“ ist nicht geschützt und lässt nicht grundsätzlich auf den Stand der medizinische Ausbildung und die individuellen Fähigkeiten der Einsatzkraft schließen. Hier kann das ganze Spektrum vom Rettungshelfer bis zum Notfallsanitäter, zum Teil mit medizinisch-taktischer Zusatzausbildung, vertreten sein. Diese Einsatzkräfte führen regelmäßig auch umfangreicheres medizinisches Verbrauchsmaterial mit, das dann unterstützend in der grünen bzw. kalten Zone zur Anwendung kommen kann.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo Sie, verehrter Leser, auf den Plan treten. Die Kampfhandlungen sind eingestellt bzw. der Verwundete wurde soweit vom Anschlagsort evakuiert, dass Sie ihn gefahrlos übernehmen können. Nach den obigen Schilderungen dürfte klar sein, dass sich alle beteiligten Einsatzkräfte in einer extremen Ausnahmesituation und Hochstressphase befinden. Die Übergabe des Verletzten wird im besten Fall etwas holprig vonstatten gehen. Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern und alle notwendigen Informationen an die Hand zu geben, wird den meisten taktischen Ersthelfern eine Übergabe nach dem sogenannten MIST-Schema vermittelt. In den oben beschriebenen IFAKs werden auch häufig sogenannte Verwundetenanhängekarten mitgeführt, um eine strukturierte Übergabe zu unterstützen. In der Praxis dürften diese allerdings nur dann ausgefüllt werden, wenn es der zeitliche Aspekt bis zum Eintreffen des Rettungsdienstpersonals zulässt.

Tactical Survival Concepts im Internet: http://tacsurv.de

Die Serie „Mit harten Bandagen“ hier auf SPARTANAT:

Mit harten Bandagen (1): Taktische Medizin im zivilen Kontext

Mit harten Bandagen (2): Tactical Combat Casualty Care/Tactical Emergency Medical Support

Mit harten Bandagen (3): Die Vorgehensweise

Mit harten Bandagen (4): Die drei taktischen Phasen

Mit harten Bandagen (5): Taktische Ersthelfer

Tactical Survival Concepts im Internet: http://tacsurv.de

Der ganze Artikel von Mario Novak ist erschienen im Buch „Schnittstelle Rechtsmedizin: Polizei – Rettungsdienst“. Hier erhältlich: